Juli 2006


Am letzten Dienstag habe ich seit längerer Zeit mal wieder das öffentlich-rechtliche Wirtschaftsmagazin plusminus geschaut, in dem ein ‚bemerkenswerter‘ Beitrag über die segensreiche Wirkung der Arbeitsmarktreformen in Irland gezeigt wurde.
plusminus legte dar, wie Irland durch Flexibilisierung und Deregulierung zur Vorzeigewirtschaft Europas geworden ist. Das ganze natürlich kontrastiert mit der überbürokratisierten deutschen Wirtschaft.
Der Beitrag war so einseitig und trivial gemacht (Interview mit Irländern, die überschwänglich die flexiblen Strukturen lobten und dann über ihre leidvollen Erfahrungen in Deutschland berichteten), dass man hätte meinen können, es handle sich hierbei um eine Verkaufsshow bei QVC.

Was gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist, wie Wolfgang Lieb von den NAchDenkSeiten zeigt. Die beiden Autorinnen des Beitrags sind nämlich Inhaberinnnen von Medienunternehmen, die sich u. a. mit der Produktion von Imagevideos für Unternehmen verdingen. Kurz gesagt: Es handelt sich um ein PR-Video, das als unabhängiger Bericht gelabelt wurde.

Kein Einzelfall, sondern strukturelle Korruptheit eines Medienssystems, das mittlerweile eng mit der Wirtschaft verbunden ist. Eben durch diese Koppelung wird es neoliberalen Gruppierungen möglich, strategisch das symbolische Kapital der öffentlich-rechtlichen ‚Neutralität‘ zu nutzen, um relativ unbemerkt auf das Bürgerbewusstsein einzuwirken und Akzeptanz für ihre Ideologie zu schaffen.

Diese Strategie lässt sich nur dadurch vereiteln, dass man sich eine verschwörungtheoretische Haltung angewöhnt, will heißen, dass man sich prinzipiell über die Hintergründe und halbsichtbaren strukturellen Verflechtungen informiert, wie sie etwa in dem geschilderten Fall zum Vorschein kommen.
Was man zum Beispiel auf sehr kompetente Weise auf den NachDenkSeiten tun kann, deren Lektüre ich abschließend nachdrücklich empfehlen möchte.

Grüße,
Karlstadt

Man kann schon seit geraumer Zeit die medialen Kriegstrommeln hören, mit der die Medien auf einen wohl bevorstehenden Kriegseinsatz gegen den Iran vorbereiten, indem dessen Präsident Ahmadinedschad (der mit Sicherheit kein Sympathieträger ist, aber das ist etwas anderes) in der bewährten Propagandatechnik zu einem sich dem ‚westlichen‘ Bewusstsein leicht eindrückbaren repräsentativen Feindbild geformt wird. Das reicht unter anderem von der falschen Übersetzung von Zitaten („Israel von der Landkarte wegwischen“) bis hin zu dem massenmedial verbreiteten und mehr als zweifelhaften Ehrentitel „Hitlers des 21. Jahrhunderts“, wodurch historisch gesehen eine militärische Lösung geradezu zwingend impliziert wird („Hätte man damals früher etwas unternommen…“ etc.)

Kein Wunder tut es da, dass auch der aktuelle Nahost-Konflikt dazu genutzt wird, den Iran als ursächlichen Verursacher allen Übels zu deklarieren.
Besonders hervorgetan hat sich dabei jüngst, wie meist in solchen Angelegenheiten, der zuverlässig einseitige und vereinfachende Josef Joffe von der renommierten Zeit:

Aber die Sache geht weit über den klassischen Konflikt hinaus, und das macht sie so gefährlich. Unter iranischer Regie sind verschiedene Handlungsfäden in einer einzigen Krise vereint worden. Beginnen wir mit Teheran, das sich neuerdings wegen seiner Atomrüstung, die seine regionale Vorherrschaft befördern soll, dem gemeinsamen Druck Amerikas und Europas ausgesetzt sieht, sich aber nicht mehr auf Russland und China verlassen kann. Was lag da näher, als Hamas und Hisbollah zu mobilisieren, um Israel in die Falle eines Krieges zu locken. Fazit: Der Druck auf das Atomprogramm schwindet, die Nachgiebigkeit wächst, auf dass Iran seine Helfer wieder an die Leine lege. Das Signal: »Ihr braucht uns? Was wollt ihr zahlen?«
Bloß lässt sich die »internationale Gemeinschaft« nicht wegschließen. Die hat sehr wohl erkannt, dass Iran eine »feindliche Übernahme« des Nahost-Konflikts inszeniert hat.

Diese lupenreinen Verschwörungstheorie – die er in wahrhaft hellsichtiger Art und Weise auch noch der personifizierten Weltgemeinschaft in den Denkapparat gelegt hat – hat Joffe jetzt in einem weiteren Artikel in leicht veränderter Form wiederholt. Wieder weiß er mal wieder genau, was andere wissen, und er vergisst auch sorgfaltspflichtig nicht, noch den anderen bösartigen Achsenpunkt, Syrien, mit einzubeziehen:

Warum dieser »Verrat« an der islamischen Sache? Weil die Potentaten blitzschnell erkannt hatten, wes Lied Hisbollah sang. Sie wissen sehr wohl, dass es nicht um Israel geht, sondern um den Erzfeind Iran. Sie wissen, dass es sich kurzfristig um ein Ablenkungsmanöver handelte, das westlichen Druck (erstmals ziehen EU und USA am selben Strang) von der iranischen Atomrüstung nehmen sollte. Längerfristig ging es um eine Achse Teheran–Damaskus–Hisbollah, die erstmalig seit dem Sieg der Araber über die persischen Sassaniden im 7. Jahrhundert den Einfluss Irans bis in die Levante ausdehnen möge. Gegen diesen Machtanspruch wirkt das »zionistische Gebilde« wie ein lästiger Zwerg.

Ja, genau. Und immer gut, wenn man sich wiederholt; auf dass der geneigte Leser im Laufe der Zeit nicht das Wesentliche vergisst. Ganz nach dem ironischen Lehrsatz, den Kleist schon lange vor der Zeit in seinem „Lehrbuch der französischen Journalistik“ formuliert hat:

Was man dem Volk dreimal sagt, hält das Volk für wahr.

Und das drittemal folgt in Bälde, wetten?

Grüße,
Karlstadt

Ein Anrufroboter hat mir heute Morgen entscheidend bei der Klärung einer Frage geholfen, die mich schon seit meiner Kindheit beschäftigt:

Herzlichen Glückwunsch. Sie sind ein Gewinner!“

Eigentlich hab ich’s doch schon immer gewusst…

Selbstbewusste Grüße,
Karlstadt

Wasserprivatisierung

Dieses Plakat der Wasserkarawane habe ich heute in der Rosgartenstraße in Konstanz aufgeschnappt. Hintergrund dieses Protests ist der Abschluss eines sogenannten Cross Border Leasing Vertrags (Laufzeit 99 Jahre!) des Zweckverbandes der Bodenseewasserversorgung mit einem amerikanischen Investor, wodurch den Gemeinden das alleinige Verfügungsrecht über die Wasserversorgung verloren gegangen ist.

Hier zeigt sich auf regionaler Ebene die weltweit stattfindende neoliberale Privatisierungsflut – und wut, durch die nach und nach die Enteignung von Staatsbesitz zugunsten privater Investoren stattfindet.
Und die im konkreten Fall (wie z. B. beim Bodenseedeal) von den Medien weitgehend ausgeblendet und im generellen ideologisch unterbaut wird, indem sie die in den neoliberalen think thanks und Wirtschaftsinstituten erdachten Parolen internalisieren und als Verbalautomatismen reproduzieren. Was sich dann materiell etwa in Deregulierungs- und Flexibilisierungspreisungen niederschlägt, die teilweise sakrale Züge tragen.

Glücklicherweise scheint diese neoliberale Indoktrination der „Propheten der neuen Ökonomie“ (Pierre Bourdieu) immer weniger zu funktionieren, was sich z. B. sowohl im wachsenden Widerstand in Südamerika als auch im Konstanzer Rosgarten zeigt.
Die Karawane wächst…

Liberale Grüße,
Karlstadt

Bush ist in Stralsund. Die Online-Headline des ehemaligen Nachrichtenmagazins (Franziska Augstein) Spiegel: „George W. Bush gibt seiner Gastgeberin Angela Merkel ein Küsschen auf die Wange“ (auch der Noch-nie-ein-Nachrichtenmagazin-gewesene Focus gibt ein Bussi) lässt erahnen, welche mediale Affenkomödie in den nächsten Tagen aufgeführt werden wird.

An dieser Inszenierung wirken auch – wir leben schließlich in einer demokratischen Bürgergesellschaft – tausend ausgesuchte Bürger mit, die dem Präsident beim Empfang ein freiheitliches „Vivat, Vivat“ zurufen dürfen. Kein Novum, sondern sich wiederholende Geschichte, das ewige Spiel von Herrschenden und Beherrschten; wie uns schon Georg Büchners in der Bauernszene in „Leonce und Lena“ zeigt, in der eine Bauerngruppe für die adelige Hochzeitszerenomie in einem Fürstentum präpariert wird:

Gebt acht Leute, im Programm steht: „Sämtliche Untertanen werden von freien Stücken reinlich gekleidet, wohlgenährt, und mit zufriedenen Gesichtern sich längs der Landstraße aufstellen. Macht uns keine Schande!“


Und da sich unsere 1000 Bürger nach dem, was man so hört, aus freien Stücken, ganz ordentlich betragen haben (schließlich sind davon ein Viertel Bundeswehrler, die können das natürlich aus dem habitualisierten ff), dürfen sie sich vielleicht – um eine weitere Analogie zu Büchners Stück zu strapazieren – beim morgigen Grillfest so vor den nun mal notwendigen Absperrungen postieren lassen, dass sie etwas von dem Duft des präsidialen Schweinebratens wittern können.

Wobei getrost bezweifelt werden darf, ob sie das wirklich könnten.

Bussi,
Karlstadt

Der Verein Netzwerk Recherche (nr) ist ein illustrer Zusammenschluss von prominenten Journalisten (dem beispielsweise der selbsternannte Großaufklärer und Speerspitze des kritischen Journalismus, Hans Leyendecker von der Süddeutschen, angehört), der eine „Lobby für den in Deutschland vernächlässigten investigativen Journalismus“ sein will.
Und weil man bei nr halt so kritisch ist, hat man einen „Medienkodex“ verfasst und veröffentlicht, eine Art 10 Gebote (es sind tatsächlich 10) für den investigativen Journalisten.

Dieses kritische Werk wurde vor kurzem nun selbst zum Objekt journalistischer Kritik. Florian Ditges, selbst einfaches Mitglied von nr, hat im Fachmagazin journalist vor allem den Vorstand und die intransparenten Kommunikationsstrukturen des nr angeprangert. Woraufhin die sich in ihrer investigativen Ehre besudelt gefühlten nr-Größen mit Unterlassungsforderung, Prozessandrohung und Erwähnung der entstehenden Anwaltskosten reagierten. Also genau mit den Mitteln, mit denen sich kritische Journalisten tagäglich in ihrer Arbeit konfrontiert sehen, woran deutlich wird, was der formulierte Investigativanspruch der eitlen (Vorstands-) Netzwerker in der Praxis wert ist. Würden sie den nämlich ernst nehmen, dann müssten sie wohl als erstes sich selbst missionieren, wie folgende Passage des nr-Credos (Titel: „Was wir wollen“) belegt:

Der Verein sieht sich in der Pflicht, wenn Funktionsträger den freien Fluss von Informationen behindern, wenn kein Geld für Recherchen zur Verfügung gestellt wird, wenn Kollegen für korrekte, kritsche Arbeit angegrifffen oder zum Teil sogar juristisch verfolgt werden.

Wer sich tiefer mit dem Fall befassen möchte, findet eine ausführliche Dokumentation unter http://www.journalist.de (Unter Rubrik Dossier: „nr: Ein kritischer Beitrag und die Reaktionen“)

Investigative Grüße,

Karlstadt


Mit dem Abgang der Fußballweltmeisterschaft am Sonntag lässt auch der „unverkrampfte“ (Köhler) positive Partypatriotismus merklich nach, wie sich u. a. an den weitgehend wieder abgehängten Klemmfähnchen zeigt (womit auch hoffentlich die überlasteten ArbeiterInnen in den chinesischem Klemmfähnchenfabriken etwas zur Ruhe kommen werden)

Dieses Schicksal wird der in der WM-Vorbereitungsphase installierten Überwachungsarchitektur (Überwachungskameras, RFID-Chips, Sicherheitsüberprüfungen etc.) – was in den euphorisierten Medien weitgehend ignoriert wurde und wird – wohl erspart bleiben, wie auch der Menschenrechtler und Anwalt Rolf Gössner (der sich dringend mal um das Design seiner Homepage kümmern sollte) in einem Telepolis-Interview befürchtet:

Diese anlässlich der WM „salonfähig“ gemachte Überwachungs- und Kontrollstruktur wird überleben und wohl auch ihren Siegeszug außerhalb der Stadien fortsetzen. Das heißt: Nach Abpfiff des Endspiels wird der Ausnahmezustand nicht einfach vorbei sein, sondern weitgehend Alltag bleiben.

Wir haben ja schließlich auch, wie der Herr Innenminister heute schwabuliert hat, anhand der WM „in wunderbarer Weise gelernt, dass Fröhlichkeit und Sicherheit keine Gegensätze sind“ (erinnert mich irgendwie an Nine Inch Nails „Happiness In Slavery“).

Und da das alles so wunderbar ist, plant man nun eine saftige Verschärfung der nach dem 11. September eingeführten Sicherheitsgesetze, denn böse Schlafterroristen und störendes Kommunisten-Gesocks gibt es schließlich ja auch noch nach der WM, nicht wahr?

Und das mit dem unserem Herrn Innenminister diesesmal noch verleideten Inlandseinsatz der Bundeswehrler, die den Partypatriotismus mit Sicherheit noch launiger gemacht hätten (und Flaggen hätten die bestimmt auch genug gehabt – die chinesischen KlemmfähnchenfabrikarbeiterInnen hätten’s ihnen gedankt!), kriegen wir auch noch hin. Damit’s noch sicherer und fröhlicher wird. Wenn alles gut läuft vielleicht schon in vier Jahren.

Schwarz-rot-geile Grüße,

Karlstadt

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