Normalerweise ist es relativ schwer, sich immer wieder klarzumachen, dass die medial repräsentierte Welt nicht die Welt ist, sondern ein durch die Medien produziertes Konstrukt. Manchmal hat man aber auch einfach Glück, und dieser Fakt tritt klar zutage. Wie bei den zwei heutigen Online-Artikeln der Zeit und des ehemaligen Nachrichtenmagazins Spiegel betreffend eines Raketenangriffes der Hisbollah auf die israelische Ortschaft Kfar Giladi.
Zunächst zum Spiegel-Artikel mit dem Titel „Hisbollah verübt bisher schwersten Angriff auf Nordisrael“ (Aufschlussreich ist die Kombination des Verbs „verüben“, das in in unüblicher Weise mit dem Objekt „Angriff“ verbunden ist. In der Regel verübt man keinen Angriff, sondern einen Anschlag, und meint damit einen terroristischen Akt. Durch die ungewöhnliche Kombination weist der Autor – bewusst oder unbewusst – der Hisbollah einen Status zwischen ‚legitimer‘ Armee und einer Terroristengruppierung zu):

Bei dem bislang folgenschwersten Raketenangriff der libanesischen Hisbollah-Miliz auf Israel sind mindestens zehn Soldaten getötet worden. Die radikalislamische Organisation feuerte Dutzende Raketen auf den Norden des Landes – auch eine Synagoge soll getroffen worden sein..

Bei der Zeit erscheint der gleiche Vorfall unter dem Titel „Schwerster Hisbollah-Angriff bislang“ in einem etwas anderen Licht:

Die pro-iranische Miliz feuerte am Sonntag mindestens 100 Raketen auf den Norden Israels ab. Eine Rakete traf in der Ortschaft Kfar Giladi nördlich von Kirjat Schmona direkt in eine Menschenmenge und tötete zehn Israelis. Acht weitere Menschen seien zum Teil verletzt worden, hieß es.

Interessant ist zunächst einmal der im Haupttext vollzogene Wechsel der Begrifflichkeiten. Aus der Hisbollah wird die „pro-iranische Miliz“, womit deutlich gemacht wird, wo diese Gruppierung zu situieren ist. Der Text folgt damit ganz der Linie der Zeit, die fieberhaft den Iran als großen Puppenspieler der Hisbollah-Marionetten zu schreiben versucht (siehe meinen Beitrag vom 28. Juli). Die entscheidende Differenz ist aber natürlich die Identität der Getöteten. Aus einem Angriff auf Soldaten wird eine Zivilbevölkerung assoziierende Menschenmenge. Dieser Unterschied ist kein geringer, wenn man bedenkt, daß ein Angriff auf Soldaten (unter bestimmten Voraussetzungen) völkerrechtlich als durchaus legitim gilt (eine absurde Art ‚legitimes‘ Getötetwerden), ein Angriff auf Zivilisten dagegen natürlich nicht.
So wird aus einem militärischen Angriff (sieht man mal von dem „verübt“ ab) beim Spiegel ein quasi-terroristischer Akt bei der Zeit. Was wiederum große Auswirkungen auf die öffentliche Meinung hat, die in geführten Kriegen und Kriegen, die geführt werden wollen, von entscheidender Bedeutung ist, da ohne moralische Legitimation und Akzeptanz in der Bevölkerung sich ein Krieg halt nicht so einfach führen lässt. Weshalb es naheliegt, dass die Kriegsparteien mit allen möglichen Mitteln versuchen, die Deutungshoheit in den Medien zu erlangen, wie der aktuelle und vergangene Kriege zeigen.

Aber zurück zum konkreten Fall: Mal ganz davon abgesehen, welche Version jetzt den tatsächlichen Ereignissen näher kommt ,wird der Konstruktions- (im schlechtesten Fall Manipulations-) charakter der Medien mehr als deutlich. Und eben auch, wie wichtig es ist, der dargebotenen Information mit Distanz zu begegnen und sich aus verschiedenen Quellen zu informieren. Das gilt besonders, wie ausgeführt, wenn es um Krieg geht.

Ich bin auf jeden Fall mal gespannt, ob demnächst nicht plötzlich einer der beiden Artikel das Zeitliche segnet. Denn offensichtliche Unstimmigkeiten dieser Art werden in den Mainstreammedien meist dadurch aufgelöst, dass die entsprechenden Dokumente ganz zufällig nicht mehr auffindbar sind.
Was zumindest (aus Produzentenperspektive) ein Vorteil des nicht immer von den Mainstream-Medien geschätzten Internets gegenüber dem Printmedium darstellen dürfte.

Einen konstruktiven Gruß von
Karlstadt

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