Selten wurde soviel konjunktiviert, geannahmt, offenbart und geeinschätzt wie in den letzten Kofferbomben-Tagen. Das dokumentiert sich besonders, wenn es um das denkbare, vermutliche, offenbare aber unsichtbare Terrornetzwerk geht, in das die beiden ‚mutmaßlichen‘ Terrorbomber mutmaßlich eingebunden sein sollen.
Mag sein, man kann das Netz (noch) nicht wirklich fassen, aber es gibt immerhin beeindruckende Experten-Schlüsse, deren Stringenz Sherlock Holmes die Tränen aus den Augen pressen würden:
Auf der einen Seite spreche der gewaltige logistische Aufwand des Anschlagsversuches, den eine zeitgleich geplante Doppelsprengung mit High-Tech-Chronometern verursacht, für ein Unterstützer-Netzwerk.
Andere dagegen, wie etwa Reiner Griesbaum, schließen aus dem technischen Know-How („Wer solche Bomben baut, handelt nicht allein. Da fließt das Know-how von Hinterleuten mit ein“), das sich ja anhand der Bombenapparaturen offenkundig dokumentiert, auf die Existenz von fachkundig organisierten Hintermännern.
Mittlerweile hat man jetzt auch schon eine Organisation ausgemacht, die irgendwie mit den „selbst radikalisierten Dschihadisten“ in Verbindung stehen soll. Ganz genau weiß man’s freilich wieder mal nicht, ja leider noch nicht mal, ob’s die anderen wissen, weshalb man halt der journalistischen Redlichkeit halber weiterhin zum Konjunktiv greifen muss:

Die Sicherheitsbehörden wissen oder sagen aus ermittlungstaktischen Gründen nicht, ob es direkte Kontakte zwischen dem am Sonnabend in Kiel festgenommenen Libanesen und der Hisb ut-Tahrir al Islami gab. Denkbar ist auch, dass die Weitergabe der antiisraelischen Hetze der HuT durch deren Sympathisanten im Clan von Youssef Mohamad E. H. ausreichte, um ihn zu fanatisieren. Die Propaganda ist jedenfalls geeignet, labile Muslime in Mörder zu verwandeln.

Bei der Einschätzung der Rolle der Überwachungskameras ist man dagegen schon bei der Wirklichkeitsform angelangt. Die Kameras haben’s gerichtet. Drei Wochen nix, dann die Bilder und schwupp, gefasst. Der Herr Ziercke vom BKA hat ja schon kurz nach dem Zugriff den „Fahndungsdruck“ hervorgehoben, den die öffentlichen Bilder erzeugt haben (Wobei er leider nicht verraten hat, wie sich dieser „Fahndungsdruck“ manifestiert hat).
Das Prinzip von Ursache und Wirkung, das hat man auch schnell in den Medien erkannt, die nun auch noch die unddankbare Aufgabe haben, diese Erkenntnis penetranten Datenschutz-Miesepetern wie etwa Peter Scheer vermitteln zu müssen:

Herr Schaar, Sie werden aber nicht abstreiten, dass die Videokameras dazu geführt haben, dass man den Täter überführt hat und möglicherweise weitere Anschläge dadurch verhindern kann?

Auch die Süddeutsche ist alles andere als konjunktiv und kennt den wahren Star der Terror-Aufklärung:

Am Samstag war in Kiel ein 21-jähriger libanesischer Student auf Grund von Videoaufnahmen im Kölner Hauptbahnhof als möglicher Bombenleger festgenommen worden.

Ja, so wird medial aus „Fahndungsdruck“ bemerkenswerte Gewissheit hergestellt. Da scheint es auch nicht weiter zu stören, dass mittlerweile vermeldet wird, dass der entscheidende Tip vom libanesischen Geheimdienst gekommen sein soll (Auch hier ist der Konjunktiv angebracht).
Aber wer weiß, vielleicht konnten die ja etwas mit den gestochen scharfen Bildern anfangen („Du, schau mal, da ist der Balle auf dem Bahnhof. Ne du, das ist doch der Terror-Youssef, ruf mal schnell das BKA an“).
Jedenfalls wundert’s bei soviel Gewissheit nicht, dass jetzt noch mehr dieser Terroraufklärungshelfer zum Einsatz kommen sollen. Und warum auch nicht: Laut Medien scheint’s die Mehrheit der Bevölkerung ja kaum noch erwarten zu können, öfter ins Bild zu kommen.

So nebenbei: Diese Schreie nach mehr Sicherheit und Überwachung werden mutmaßlich vor allem die betreffenden Sicherheitsfirmen und ihre Aktionäre freuen. Einen ganz „minimalen“ wohl in besonderem Maße. Für diesen Pionier auf genanntem Gebiete war Sicherheit nämlich schon seit längerem eine wirkliche Herzenssache.

Einen Gruß von
Karlstadt

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