Die F.A.Z hat heute auf ihrer Seite ein aufschlussreiches Streitgespräch zwischen Albert Müller und dem Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg veröffentlicht. Aufschlussreich deshalb, weil sich in dem Gespräch exemplarisch die ideologische Durchdringung eines großen Teils des wissenschaftlichen (vor allem des volkswirtschaftlichen) Systems in Deutschlands offenbart, das derart mehr und mehr zu einer Legitimationsinstanz der bestehenden Ungleichheits- und Machtverhältnisse wird.

Birg zeigt sich im Gespräch durchweg als gläubiger Positivist, der an seinen Formeln hängt wie eine Dackel an seinem Lieblingsknochen. Diese Fetischbeziehung nimmt im Interview bisweilen lorioteske Züge an, wenn er beispielsweise mehrfach von Stolz ergriffen, wiederholt, dass seine demographischen Berechnungen (1998) lediglich um „1 Promille“!!! von der Realität (2005) abweichen. Noch launiger wird’s, wenn er dann auch noch seine Prognosen und Formeln auf die nächsten beiden Jahrhunderte ausdehnt, ohne die Komplexität und Sprunghaftigkeit gesellschaftlicher Entwicklungen (man denke nur an den „Pillenknick“) auch nur in Betracht zu ziehen.

Abgesehen von ihrem (für mich jedenfalls) zweifellos komischen Potential, sind die im Interview gemachten Äußerungen, wie schon angedeutet, durchaus auch in einem erkenntniserweiternden Sinne lesenswert. In den Äußerungen von Herrn Birg offenbart sich nämlich eine Denkweise, die charakteristisch ist für viele privilegierte Interpretatoren (wie es die der institutionalisierten Wissenschaft sind) unserer Gesellschaft: Sie dokumentieren ein tiefes Verhaftetsein an unser aktuelles Gesellschaftssystem und dessen unhinterfragten Glaubenssätze. So ist eine Gesellschaftsentwicklung jenseits der von ihm diagnostizierten „modernen Konkurrenzgesellschaft“ und ihrer scheinbaren Gesetze für Birg nicht vorstellbar, wie stellvertretend eine Interviewpassage zum Ausdruck bringt:

Wir werden alles gleichzeitig haben: Verelendung, Dritte Welt in Deutschland und daneben einen obszönen Reichtum und Luxus. Die Gesellschaft wird sich spalten oder zerfallen. Es wird Menschen geben, die zwar im gleichen Land leben, aber nicht in der gleichen Welt. Aushalten wird man das nur, wenn man die Gründe versteht. Deshalb brauchen wir präzise Analysen.

Deutlicher könnte düsterer Fatalismus nicht zum Ausdruck kommen: Vier mal ein zukünftiges und alternativloses „werden“/“wird“, was – nimmt man den Text beim Wort – in die apokalyptische Spaltung der Gesellschaft münden wird. Ein Spielraum für Veränderungen ist in diesem Denksystem nicht gegeben, wie auch der Begriff „Aushalten“ zum Ausdruck bringt: Man kann das Fatum des Gesellschaftsprozesses verstehen und analysieren, man kann es aber nicht ändern.
Die Entwicklung und die Auswüchse der „modernen Konkurrenzgesellschaft“ werden derart als eine unabänderliche Tatsache betrachtet, und in dieser Logik ebenso der Verteilungskampf der Generationen, den die Formeln des Professors weissagen.
Ideologie (nicht bewusste Propaganda, wie Albrecht Müller meint) in reinster Form. Denn was ein solches Bewusstsein ausblendet, ist der grundlegende Unterschied zwischen ’natürlichen‘ und sozialen Prozessen: Anders als erstere sind soziale Prozesse trotz autonomer Gesetzmäßigkeiten immer auch ‚gemacht‘ und gestaltet, und damit auch veränderbar.
Durch eine Naturalisierung dieser sozialen Prozesse, wie sie Birgs vollzieht, wird Wissenschaft zu Ideologie und damit zur Apologie: Gesellschaftliche ‚gemachte‘ Zustände‘, wie die angesprochene gesellschaftliche Obszönitäten der Kinderarmut und gleichzeitigem Superreichtum werden als unhintergehbares Naturgesetz betrachtet, als ‚Lauf der Dinge‘ und so jeder moralischen Beurteilung entzogen. Eine typische Denke dieser Zeit, die nahezu identisch ist mit vielen Bereichen der Politik, wie sich im System Schröder mit seinem „Es gibt keine Alternative“-Politik (ein Widerspruch in sich) ganz offen gezeigt hat.
Womit Professor Birg mit seiner wissenschaftlichen Autorität, wie vieler seiner Kollegen, durch dessen (nicht reflektierte) Legitimierung aktiv zur Verwirklichung des von einer politischen und wirtschaftlichen Elite ins Werk gesetzten „Konkurrenzmodells“ (eine Art von ’self-fulfilling-prophecy‘)
mit all den von ihm bedauerten Auswüchsen und Konflikten beiträgt.

So gedacht bin ich mir jedenfalls nicht mehr ganz sicher, ob die plausibel klingende und werbesloganreife Bemerkung von Birgs: „Durch Formeln wird niemand aufgehetzt“ ohne Vorbehalte bejaht werden kann.

Einen Gruß von
Karlstadt

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