September 2006


Die Absetzung der Oper Idomeneo ist natürlich wieder mal eine ideale Gelegenheit für Intellektuelle und Qualitätsjournalismusfeuilletonisten, aus ihren konservativen Löchern zu kriechen und wacker für die Freiheit von westlicher Kunst und Rede einzutreten. Selbstredend ein ziemlich ungefährlicher und gewinnbringender Kreuzzug: Kann man sich doch politisch korrekt und im sicheren Gefühl mit den Tonangebern des Landes in Einklang zu sein als mutige „Demokratiepuristen“ gebären.

Dieser Freiheitsgestus ist angesichts der zu beobachteten Verhältnisse geradezu absurd. Wie opportun und fadenscheinig dieser Gestus ist, zeigt sich daran, dass die gleichen öffentlichen Akteure kein Problem damit haben, dass diese Freiheit – im Namen der Verteidigung der westlichen Freiheit vor dem Muselmann – seit Jahren durch die zunehmende Einschränkung von Bürgerrechten verteidigt wird.

Wie ernst es übrigens mit der beschworenen künstlerischen Freiheit ist, zeigt sich, wenn die eigenen Mainstream-Tabus gebrochen werden. Wie etwa im Fall Handke: Aufgrund seiner vermeintlichen Sympathisantenschaft mit dem damaligen zum Großinquisitor aufgebauten Slobodan Milosevic hatte der Düsseldorfer Stadtrat im Mai diesen Jahres parteienübergreifend verhindert, dass der Heine-Preis an Peter Handke übergeben wird.
Aus den gleichen Gründen erlitt ein Handke-Stück in Frankreich ein ähnliches Schicksal wie Idomeneo. Nachdem bekannt geworden war, dass Peter Handke dem Begräbnis von Milosevic beigewohnt hatte, wurde sein Stück „Spiel von Fragen“ von dem Leiter der „Comedie Francaise“ abgesetzt.

Erwartungsgemäß blieb in diesen Fällen offensichtlicher künstlerischer Zensur der leidenschaftliche Schrei nach Freiheit, wie er gerade durch die mediopolitischen Flure hallt, weitgehend aus, vielmehr wurde diese von intellektueller und medialer Seite unterstützt (besonders entschieden mal wieder der Spiegel:„In Düsseldorf wird vermutlich ein selbstbewusster Stadtrat die groteske Entscheidung einer – bestenfalls ahnungslosen – Jury, korrigieren, dem europäischen Hofsänger von Slobodan Milosevic den Heinrich-Heine-Preis zu verleihen“).

Den Schluss, den man daraus ziehen kann: Freiheit ist nur dann eine schützenswerte, wenn sie sich freiheitlich den herrschenden Glaubenssätzen und Ideologien des tonangebenden mediopolitischen Mainstreams in die Arme wirft.
Ein solcher Freiheitsbegriff ist letzendlich nichts anderes als getarnter Konformismus. Und eben nichts anderes als dergestaltige Konformisten sind die oben genannten Freiheitskämpfer. Mit ihrem ideologischen Freiheitsbegriff machen sie sich, bewusst oder unbewusst, zu ‚Hofsängern‘ eines Kulturkampfes, der durch die Erzeugung von Ressentiments und Angst zu einem zentralen Herrschaftsinstrument geworden ist.

Einen Gruß von
Karlstadt

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Es ist wirklich erbärmlich, mit welcher Dreistigkeit im Fall el-Masri gelogen, verschleiert und Recht gebeugt wird.
Zunächst wollte man offiziell nichts von der Verschleppung des deutschen Staatsbürgers gewusst haben. Dann ist durch ein bißchen Rumstochern klar geworden, dass es vor allem ums Wollen ging. Herr Schily hat nämlich in einem Gespräch unter Männern dem US-Botschafter Daniel Coats nach dessen Beichte über die Verschleppung loyale Vertraulichkeit zugesichert. Dabei war man so sehr dieser Vertraulichkeit verpflichtet, dass man in Schilys Innenministerium die betreffenden deutschen Botschaften gebeten hat, nicht ganz so genau hinzuschauen und lästige Fragereien zu unterlassen (leider etwas zu spät). Kurz: Man hat das seine dazu getan, ein Verbrechen zu decken und den CIA-Folterknechten die Arbeit durch negative Publicity nicht zu verleiden.

Mittlerweile liegen viele der Fakten auf dem Tisch, das Schmierentheater und Eiergetanze „Ich sehe nichts, ich höre nichts“ geht freilich munter weiter. Während man in Italien Haftbefehle gegen CIA-Agenten in einem ähnlich gelagerten Fall erlassen hat, sieht der deutsche Staatsanwalt ungeachtet der Tatsache, dass die Identitäten der Verschlepper bekannt sind, keinen „Handlungsspielraum“ und keine Notwendigkeit es den Italienern gleichzutun. Begründet wird dies mit dem nichtssagenden Zauberwort „Aufklärungsbedarf“, das wunderbar dazu geeignet ist, das Ausbleiben notwendiger juristischer Schritte zu rechtfertigen.

Dass der Wille zu ernsthafter Aufklärung besteht, darf trotz aller offenherzigen Bekundungen bezweifelt werden, wenn man sich zum Beispiel die Aussage des FDP-Abgeordneten Max Stadler, Mitglied des BND-Untersuchungsauschusses, genauer betrachtet. Darin kommt das verräterische Potential von Sprache deutlich zum Ausdruck:

Bei dem Thema Geheimflüge der CIA in Europa darf nicht der Eindruck aufkommen, dass Deutschland kein Interesse an der Aufklärung hat.

Aha, der Eindruck darf also nicht aufkommen. Da entsteht bei mißtrauischen Menschen leicht der Eindruck, dass es vor allem um den Eindruck geht. Und man kann sicher sein, dass an diesem Eindruck, wie üblich bei politischen Äffaren, weiterhin kräftig gearbeitet wird. An tatsächlicher Aufklärung des Falls und damit verbundener Bestrafung der Rechtsbeugerbande, zu der auch Schily und alle anderen beteiligten Rechtsbeugerkomplizen gehören, wohl eher weniger.

Einen Gruß von
Karlstadt

Heute verlassen die ersten Friedensschiffe den sicheren Hafen Richtung Osten. Und man merkt es der heutigen Berichterstattung an: ein historischer Tag!
Zwischen dem bereitwilligen und hochfrequenten „historischen“ Zitieren findet sich aber auch noch durchaus Raum für kritische Töne, in einem freilich durchweg fragwürdigen Sinn. Kritisch nämlich gegenüber den Parteien und Abgeordneten, die nicht mit ins historische Kanonenboot steigen wollen. Wie eine kleine Presseschau der Zeit zum Thema zeigt, werden dabei die üblichen stereotypen Kampfbegriffe gebraucht, die eine Auseinandersetzung mit der Sache obsolet machen: Populismus, Parteitaktik und Demagogie (von den Grünen!) sind die Gründe für die versuchte Verhinderung des marinalen Friedenmachens.
Wie sehr die mediale Aufrüstung vorangeschritten ist, belegt ein ebenfalls in der Presseschau behandeltes Zitat aus dem Handelsblatt:


Die Grenze zum Absurden überschreitet der FDP-Chef, wenn er fordert, erst müsse es eine politische Lösung des Nahostkonflikts geben, müsse „der Hass enden“, dann könne man über eine militärische Komponente sprechen. So viel Naivität mag man der FDP nicht abnehmen. Perfide ist das Argument, Deutschland büße als Israel-freundliches Land seine neutrale Vermittlerrolle ein, wenn es sich beteilige: Genau das behaupten arabische Heißsporne.

Das Zitat gibt einen Eindruck davon, wie sehr sich die Zeiten geändert haben: Eine Argumentation, die das Primat der politischen Lösung gegenüber der militärischen als absurd bezeichnet, vor 10 Jahren undenkbar gewesen, ist heute selbstverständliches Denkmuster im mediopolitischen Feld. Politik als Fortsetzung des Krieges: Es findet eine Verlagerung statt, wie die AG Friedensforschung bemerkt, „vom Primat der Politik und der zivilen Gesellschaft über das Militärwesen zu einem Primat des gewaltsamen Kampfes und der Autonomie der Kämpfenden von der Gesellschaft“.
In diesen Kontext sind die (auf einer zeitgleich zur Abstimmung im Bundestag stattgefundenen Rüstungskonferenz) scheinbar neutral formulierten „Strategien weltpolitischer Mitgestaltung“, einzuordnen, die strategisch nichts anderes anvisieren als eine Dekonstruktion nationaler Hoheitsrechte und die zunehmende Militarisierung der Außenpolitik, was sich beides deutlich in dem geplanten Aufbau einer europäischen Armee dokumentiert.
In der Durchsetzung dieser nicht ganz so hehren militärischen Interessen liegt der Hund der „historischen Mission“ begraben. Durch den Umstand, dass diese von den etablierten Medien nahzu vollständig ausgeblendet und darüber hinaus durch das allseits vergebene Etikett „Friedensmssion“ ideologisch verdeckt und gestützt werden, wird die zitierte „Grenze des Absurden“ tatsächlich mehr als überschritten.

Einen Gruß von
Karlstadt

Der Spiegel nutzt erwartungsgemäß die durch die Rezeption der Papstrede entstandenen Empörung in Teilen des muslimischen Kulturkreises, um den so gerne beschwörten Kulturkampf kräftig aufzuheizen. Man braucht nur einen Blick auf die heutigen Überschriften auf Spiegel-Online zu werfen:


„Türkischer Kritiker hatte Rede nicht gelesen“

„Islamisten beuten Papst-Rede für Propaganda aus“
„PHILOSOPH KALLSCHEUER: „Benedikt sollte sich nicht entschuldigen“
„PROPAGANDA- SHOOTER Ballern für Bin Laden“

Der Artikel über die Propagandaausbeutung ist besonders bemerkenswert. Es ist nämlich schon fast amüsant zu beobachten, wie der Spiegel immer dann seine ideologie- und propagandakritischen Geschütze auspackt, wenn es sich um die „Anderen“ handelt. Dass der Propagandavorwurf m. E. berechtigt ist, das heißt im konkreten Falle die Papstrede von interessierten Gruppen instrumentalisiert wird (wie man ja auch bei der Empörung über die Mohammed-Karikaturen schon beobachten konnte), steht ja außer Frage. Das Problem besteht aber darin, dass man in der Wahrnehmung dieser Propaganda auf dem „abendländischen“ Auge blind zu schein seint.
Eine derartige Deutlichkeit nämlich sucht man bei Artikeln, die sich mit westlicher Propaganda befassen vergeblich, wie sich etwa bei der Spiegel-Betrachtung der vor absurder Propaganda nur so triefenden Bush-Rede zum Jahrestag von 911 zeigt. Hier wird die Propaganda mit sachlichen Überleitungen transportiert:

Im Krieg gegen den Terrorismus geht es nach Auffassung von US-Präsident George W. Bush um das Schicksal von Millionen Menschen in aller Welt

Bush betont weiter: „Wir haben es mit einem Feind zu tun, der entschlossen ist, Tod und Leid in unsere Heimstätten zu bringen.

Bush unterstreicht weiter, in dem Krieg gehe es um einen Kampf für die Zivilisation…

Bush rief Amerika zur Geschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus auf. „Das ist ein Kampf um die Zivilisation…

Eine deutlich andere Qualität als die im erwähnten Artikel verwendeten Wertungen wie „Besonders einseitig“, echauffierte sich“, „hasserfüllten Äußerungen“, „Öl ins Feuer gießen“ etc.
Vielleicht liegt diese offenkundige Sachlichkeit auch an dem Umstand, dass man den in der Bush-Rede transportierten ideologischen Denkmustern durchaus nicht abgeneigt ist beim Spiegel. Das zeigt sich auch in dem erwähnten Anti-Propaganda-Artikel von SPON, der implizit das verbreitete Stereotyp rationales aufgeklärtes Abendland vs. irrationalem Islam betont. Zwar verteidigt der Autor den Papst gegenüber dem Vorwurf, er habe die Vernunftsfähigkeit der islamischen Theologie in Frage gestellt, tut aber genau dies selbst am Anfang seines Artikels: „Zumindest vereinzelte Stimmen der Vernunft weisen aber auf den historischen und theologischen Zusammenhang der Papst-Vorlesung hin.“ Ergo: Der Großteil ist es nicht. Formulierungen wie z. B. „fundamentaler Angriff auf das Christentum“ etc. zeigen weiter, wie sehr der Autor dem ideologischem Kulturkampf verhaftet ist, beziehungsweise ihn bemüht.
Wobei dies noch eher handzahm ist, wenn man die die Kolumne von Hendryk M. Broder betrachtet, in der jener im Spiegel regelmäßig pauschal die gesamte muslimische Kultur als gewalttätig diffamieren und gegen eine sogenannte „Appeasement“-Politik mobil machen darf (Hier ein entsprechender Beitrag, leider kostenpflichtig).

Angesichts dieses medialen Kulturkampfes, wie ihn augenscheinlich der Spiegel führt, werden die im Artikel kritisierten Äußerungen des Internetportals muslim-markt, in dem der Vorwurf erhoben wird, der Papst mache sich mit seiner Rede zum „Werkzeug des Kulturkampfes“, zumindest verstehbar.
Ich zweifle zwar daran, dass dieser Vorwurf auf den Papst und seine Rede zutrifft. Dass er auf den „Spiegel“ zutrifft, steht jedoch außer Frage.

Einen Gruß von
Karlstadt

Nachdem es lange gedauert hat, den starrköpfigen Libanon davon zu überzeugen, wie hinderlich das unzeitgemäße Festhalten an überkommenen Hoheitsrechten und wie unabdingbar „robuste Mandate“ für das Wohl aller sind, kann jetzt endlich stolz aus berufenem Munde verkündet werden:

Wir sind nicht mehr nur Zuschauer„, nein wir sind jetzt Mitstreiter im von George Bush jüngst erklärten ewigen Krieg gegen Terrorismus und für die Freiheit.

Die von der politischen Führung bejubelte „historische Mission“, von den Medien bereitwillig aufgesogen, stellt tatsächlich einen bedeutenden Schritt in der seit Jahren betriebenen Militarisierung der BRD dar, die sich durch die von der Regierung Schröder offensiv betriebene „Enttabuisierung des Militärischen“ ihren Weg gebahnt hat und, wie Jürgen Rose treffend bemerkt, strategisch mit der populären Formel der „Normalisierung der deutschen Außenpolitik“ diskursiv untermauert worden ist.
Mittlerweile gehört es bekanntlich zur Normalität, dass unsere „Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird.“ Oder genauer gesagt, auch noch im Kosovo, dem Sudan und jetzt eben auch noch – etwas robuster als bisher – im sehr nahen Osten. Potential nach oben vorhanden, versteht sich.

Generell legitimiert und verkauft wird die faktische Umfunktionierung der Bundeswehr in eine internationale Interventionsarmee mit dem alleinigen Ziel der altruistischen Friedens- und Freiheitsförderungen. Diese Deutung, man braucht sich nur die aktuellen entsprechenden Artikel anzusehen, wird auch von den etablierten Medien unkritisch transportiert und übernommen, wodurch sich die strukturelle ideologische Komplizenschaft mit dem politischen Machtfeld zeigt, das sie eigentlich kontrollieren sollen.

Ideologisch deshalb, weil ein Blick hinter die rhetorischen Kulissen des mediopolitischen Theaters die Gründe der forcierten Militärabenteuer deutlich weniger altruistisch (was bei Menschen und den Gesellschaften, die sie bilden, selten der Fall ist) und deutlich komplexer erscheinen lässt, als sie von den maßgeblichen politischen und medialen Institutionen gepriesen werden.
Statt Freiheit und Frieden zu missionieren, stehen bei den Einsätzen strategisch nämlich vielmehr wirtschaftliche (Ressourcensicherung) und geopolitische Interessen im Vordergrund, wobei wie heutzutage üblich auch im Hintergrund agierende Denkfabriken wie Bertelsmann und co. kräftig mitmischen.

Allerdings ist einzuräumen, dass mit einer weiteren Anpassung des Verteidigungsbegriffes in naher Zukunft die offene vertretene militärische Durchsetzung von wirtschaftlichen Interessen durchaus hofffähig werden könnte, wie jedenfalls eine in den Medien eher weniger beachtete Rede von Herrn Steinmeier auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar dieses Jahres nahelegt:

„Die Endlichkeit fossiler Energieressourcen lässt befürchten, dass Probleme im Zugang zu erschwinglicher Energie immer häufiger auch Quelle von Auseinandersetzungen werden“, so Steinmeier. „Für mich ist deshalb klar: Globale Sicherheit im 21. Jahrhundert wird untrennbar auch mit Energiesicherheit verbunden sein“, so der Außenminister. „Und die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik, das verstehen Sie, muss sich dieser strategischen Herausforderung stellen. Wir sind ein rohstoffarmes Land.“ (Quelle)

Einen nichtverstehenden Gruß von
Karlstadt

Wirklich erstaunlich: Zum fünften Jahrestag von 911 scheinen sich einige der etablierten Medien zumindest ansatzweise sachlich mit den dazugehörigen sogenannten Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen.

So beschäftigen sich anlässlich des nahenden Jahrestages die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau überraschend unaufgeregt mit dem Thema 911-Verschwörungstheorie, letztere lässt sogar Matthias Bröckers unkommentiert zu Wort kommen, was wirklich Respekt verdient, angesichts des im journalistischen Feld bisher zu beobachtenden Auschlusses alternativer Deutungsmuster.

Aber natürlich überwiegen weiterhin die üblichen von Argumenten befreiten Diffamierungen wie sie vom „Wie es wirklich geschah“ wissenden Spiegel seit mehr als fünf Jahren verbreitet werden.
Auch ein Beitrag des heute-journal in Person der schlichten Marietta Slomka und dem zum Terror-Experten geadelten Elmar Theveßen steht dem in nichts nach und weist die typischen Strategien auf, mit denen alle von der offiziellen Verschwörungstheorie abweichenden Deutungsmuster als falsche Wirklichkeit gelabelt werden; wie zum Beispiel durch den zu Wort kommenden Psychologen, der die Existenz von Verschwörungstheorien traditionell mit dem Hang ihrer orientierungslosen Produzenten erklärt, sich in einer komplexen Moderne übereinfache Deutungsmuster zu schaffen (ja genau, und die Version mit in den Tora-Bora-Höhlen sitzenden Mastermind OBL, der die Al-Quaida-Armee fernsteuert, ist ein Ausbund an Differenziertheit).
Wobei allerdings das Unsicherheit verratende „wohl“ im Schlusssatz („Es gab zwar Hinweise auf die Anschläge, die die US-Regierung ignoriert hatte, aber wohl aus Überheblichkeit und Naivität, nicht wegen einer großen Verschwörung“)des merklich schnell produzierten Beitrags – wohl unbeabsichtigt – darauf hindeutet, dass auch hier die unreflektierte Gläubigkeit an die „offiziellen“ Stellen und ihre „offizielle“ Verschwörungstheorie langsam ins Wanken kommen könnte.

Diese Gläubigkeit findet sich auch in einem Bröckers-Interview der ‚alternativen‘ taz, dessen Durchführung an sich ja durchaus zu loben ist. Der Interviewer und seine Fragen jedoch dokumentieren weitgehend die in den etablierten Medien fehlende Distanz zur „offiziellen“ Wirklichkeitsdeutung:

Genau das ist doch der Tenor des offiziellen 9/11-Untersuchungsberichts: Es waren viele Daten und Indizien vorhanden, die aber nirgends zusammengeführt wurden. Für die staatlichen Sicherheitsbehörden ist das peinlich – das erklärt, was Sie Vertuschung nennen.

Und auch die folgende Bemerkung spricht nicht gerade für ein kritisches Bewusstsein:

Überall in der arabischen Welt steigt die Sympathie für den islamistischen Kampf gegen den Westen. Warum sollten sich westliche Regierungen gefakter Anschläge bedienen, um die Islamisten stark zu machen?

Der offensichtliche Zusammenhang zwischen Durchsetzung von Machtinteressen von westlichen Regierungen und der Konstruktion von Terrorangst (für die es zahlreiche geschichtliche Belege gibt – Ich empfehle die Lektüre eines Washington-Post-Artikels zu einem aktuellen Fall – die angeblich verhinderten Anschläge auf den Sears Tower -, der äußerst aufschlussreich hinsichtlich der „synthetischer“ Produktion vonTerrorangst ist) scheint der Autor naiv auszublenden, was symptomatisch für die generelle Funktionsweise der etablierten Medien ist, zu denen man mittlerweile leider auch die taz rechnen muss.

Eine im Konjunktiv geäußerte Bemerkung des Interviewers ist jedoch einsame Spitze und trift imo als Selbstbekenntnis der in Zusammenhang mit dem 11. September sich weiterhin dokumentierende Autoritätsgläubigkeit der Mainstreamer voll ins Schwarze:

Das müsste wirklich eine weltweite Verschwörung von Dämlichkeit sein.

Diesmal keinerlei Einwände, Herr Interviewer…

Einen Gruß von
Karlstadt

„Franzosen schießen gegen Bush“

Mit dieser unglaublich dummen Überschrift labelt das ehemalige Nachrichtenmagazin Spiegel einen Artikel, der sich mit der französischen Kritik an der Kampfrhetorik der US-Regierung befasst:

„Das Böse und das Gute werden nicht vom Westen für ein bestimmtes Land oder einen bestimmten Kontinent dekretiert“, sagte Außenminister Philippe Douste-Blazy dem Radiosender RMC als Reaktion auf die jüngsten Äußerungen George W. Bushs. „Wir können keinen Krieg der Kulturen hinnehmen“

Eine bemerkenswert deutliche Kritik, die durchscheinen lässt, dass der „clash of civilizations“, den die Feuilletonisten der etablierten Medien als schicksalhaft-geschichtliches Erbe deuten, durchaus auch von westlichen Regierungen und ihren Spin-Doktoren fabriziert wird.

Die Überschrift verdeutlicht imo exemplarisch wie immun die Massenmedien in der Regel gegen profunde Kritik dieser Art sind. Die wird nämlich vom Spiegel in der Überschrift kaum noch wahrgenommen. Der Fokus liegt vollständig auf dem aus den Äußerungen herausgedeuteten Konflikt: Es wird ausschließlich wahrgenommen, dass es einen Konflikt zwischen den USA und Frankreich gibt, der durch die martialische Gewaltmetaphorik und die Simplifizierung (aus der allgemeinen Kritik an westlicher Propagandarhetorik wird Kritik an der Person Bush) in fast ebenbürtiger Bild-Manier entsprechend dramatisiert wird.

Das Ganze ist nicht ohne Ironie. Nicht nur, dass die französische Kritik (warum auch immer in diesem konkreten Fall geäußert mal beiseite gelassen) durch diese Dramatisierungen sprachlich zerstört und nivelliert wird. Vielmehr nutzt der Spiegel die Äußerung des französischen Außenministers über die gezielte Konstruktion eines Kulturkampfes, um selbst einen Konflikt medial aufzuladen bzw. in diesem Falle zu reaktivieren.

Wodurch eben auch deutlich wird, dass die etablierten Medien eher das Problem als die Lösung des erwähnten „clashs“ sind: Indem sie nämlich nicht, wie es ihrem propagierten Selbstverständnis entspricht, die Mechanismen der Konstruktion des gegenwärtigen ‚großen Kulturkampfes‘ freilegen, sondern selbst Teil des ideologischen Systems sind, die ihn erzeugen.

Einen Gruß von
Karlstadt

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