Seit dem vor fünf Jahren erklärten „war on terror“ ist der für das Abendland so traditionsreiche Begriff des „Gerechten Krieges“ wieder zu einer beliebten und häufig verwendeten Beschreibung der eigenen Kriegsaktivitäten avanciert.
Jüngster Beleg dafür ist das gerade vergangene Libanon-Israel-Gebombe, das vielerorts als bellum justum deklariert wurde, um die moralische Legitimät des um seine schiere Existenz kämpfenden Israels hervorzuheben.

Einer, der diese kriegerische Gerechtigkeit am heftigsten verspürt hat, ist unzweifelhaft der Publizist Matthias Küntzel, der sich sicher ist: „Israel führt einen gerechten Krieg“. Das gilt Küntzel zufolge nicht nur für den Grund, sondern auch für die Art der Kriegsführung, welche ebenfalls die moralische Überlegenheit Israels in dem Konflikt markiert:

Während die Hisbollah durch den Einsatz von Streubomben auf israelische Bevölkerungszentren so viele Zivilisten wie möglich töten will, sucht Israel, die Zahl der zivilen libanesischen Opfer so gering wie möglich zu halten, auch wenn dies die Militäreinsätze erschwert.

Bei so viel offensichtlicher Gerechtigkeit kann es dann auch schon mal passieren, dass sogar ausgewiesene Kriegsmuffel Begeisterungsfähigkeit entwickeln: So hat der Schriftsteller Robert Menasse vor ein paar Wochen, inmitten des Bombenspektakels, gezeigt, dass Kriegsgeilheit und Pazifismus in heutigen Zeiten durchaus keine unvereinbaren Gegensätze sind:


Jetzt sitze ich vor dem Fernseher, will Bomben sehen, noch mehr Bomben, so viele Bomben, bis die Hisbollah ausradiert ist und alle Vernichter vernichtet sind. Ich will keine Bomben sehen. Ich hasse mich, weil ich diese Bomben sehen will. Kein Israeli hat je das Existenzrecht eines anderen Staates in Frage gestellt. Wenn aber andere Staaten die Existenz Israels in Frage stellen, dann muss Israel diesen Krieg führen. Einen – verdammt, ich bringe das Wort kaum heraus: – gerechten Krieg.

…Ich sitze vor dem Fernseher und weine und bin nicht ich: ein Pazifist, der Daumen drückt bei einem Krieg!

Angesichts dieses ideologischen und propagandistischen Drecks, den die beiden Herren hier in namhaften Publikationen von sich geben durften, kann ich ihnen nur raten, sich einmal die Folgen dieses gerechten Krieges anzuschauen, die gerade in den Medien dokumentiert werden und zumindest den offenbar heftig mit sich ringenden Herrn Menasse erschüttern könnten.
Zum Beispiel in der Zeit, die in einem gestrigen Artikel berichtet hat, dass noch bis zu 100.000 Schrapnell-Blindgänger im Libanon herumliegen, die aus gerecht geworfenen israelischen Streubomben gefallen sind und große Teile des Landes in potentielle „killing zones“ verwandelt haben (Wobei übrigens die vielen Blindgänger wohl auch der Tatsache geschuldet sind, dass man alte ‚Lagerware‘ loswerden wollte, wie der Artikel nahelegt).

Vergleicht man dies mit den zitierten Aussagen, vor allem der Küntzels, kann man ein resigniertes, düsteres Grinsen kaum vermeiden: Kriegsverklärung und Kriegsrealität können wohl kaum weiter auseinanderliegen.
Anhand dieser wohl für jeden Krieg charakteristischen Widersprüche jedenfalls sollte das in den Medien allzu leichtfertige Fabulieren vom „Gerechten Krieg“, der als ein Widerspruch in sich erscheint, grundsätzlich überdacht werden. Eine Hoffnung, die wohl schon beim dem sich anbahnenden nächsten „gerechten Krieg“ schnell enttäuscht werden wird.
Aber vielleicht versteht’s jetzt ja wenigstens der möglicherweise wieder „Ich“ gewordene Herr Menasse. Es bleibt jedenfalls zu wünschen, dass der pazifistischer Daumendrücker angesichts des momentanen medialen Bombenentzugs und der sich ihm aufdrängenden Tatsachen mittlerweile aus seinem Kriegsrausch erwacht ist.

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