Ein unendlicher Krieg gegen den Terror, Schläfer die unter uns weilen, eine Ausdehnung der Überwachung und Bespitzelung: Der Fusel aus geschürter Angst und Unsicherheit, wie er den breiten Teilen der Bevölkerung Tag für Tag durch die Sturmgeschütze der massenmedialen Manipulationswerkzeuge verabreicht wird, fängt an seine fatale Wirkung auf das zentrale Nervensystem des Volkes zu zeigen.

Ein Gespür für die Gefahren, die sich aus der inflationären Ausbreitung von Überwachungskameras und anderen Instrumenten ergeben, die zur Kontrolle von Menschen dienen, scheint abhanden gekommen – wenn es denn überhaupt jemals da war.
Normative Aussagen wie „Solange ich mich anständig benehme, brauche ich mich auch nicht vor Überwachungskameras zu fürchten“, künden von wenig Selbstreflexivität und bahnen sich sprechblasenartig ihren Weg in die Alltagsrealität, um das kollektive Bewusstsein noch mehr zu schwächen.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht der politisch unmündige Mensch. Die politisch Unmündigen verhalten sich gegenüber der angesprochenen Entwicklung wie trockenes Holz zu Feuer. Die politisch Unmündigen sind die eifrigen Bereiter eines gesellschaftspolitischen Zustandes, der mehr an eine Überwachungsdiktatur als an eine fortgeschrittene, stabile Demokratie erinnern wird. Die politisch Unmündigen sind in allen Gesellschaftsschichten in allen Berufen zu finden. Vom Arbeitslosen zum Professor für Politikwissenschaft, vom Bäcker zum Chefredakteur, vom Hauptschüler zum Studenten: politische Unmündigkeit ist ein klassenübergreifendes Phänomen und gerade deshalb ist der Nährboden für Unterdrückung und Restriktionen, wie sie von Seiten der Herrschenden gegenüber dem Volk zukünftig zu erwarten sind, so breit.
Politische Unmündigkeit definiert sich durch die bewusste oder unbewusste Unfähigkeit, zwischen politischen Versprechen und erbrachter Leistung, zwischen politischem Soll und Ist, rationell zu unterscheiden. Politische Unmündigkeit definiert sich weiter durch die Unfähigkeit, gesellschaftspolitische Normzustände kritisch zu hinterfragen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse folgerichtig zu verwenden.

Es wäre jedoch ein Fehlschluss, wenn man sagte, der politisch unmündige Mensch ist per se apolitisch. Das Gegenteil offenbart sich bei näherer Betrachtung. Häufig schreiben politisch Unmündige Kommentare in angesehenen Tageszeitungen, sprechen Kommentare bei den großen Fernsehsendern oder engagieren sich mit einer Naivität, die kaum zu überbieten ist, in politischen Parteien – ganz im Dienste der Demokratie, versteht sich. Gewiss, sie sind nicht ohne Intelligenz und sind auch immer bereit zu kritisieren aber, um es kulinarisch auszudrücken: Sie finden Anstoß an dem nicht so ganz süffigen Abgang des Rotweins, das Steak oder gar das gesamte Mahl wird nie zum Gegenstand ihrer Kritik. Die bis in die kleinsten Zellorganellen internalisierte Vorstellung eines in weiten Teilen gerechten und guten Staates führte bei ihnen zum Abgleiten in ein politisches Lummerland.

Wie kann es sein, dass zur ‚Terrorbekämpfung’ so eben 50 Millionen bereit gestellt wurden? Wie kann es sein, dass Nicht-Kriminelle ihre Fingerabdrücke abgeben müssen? Wie kann es sein, dass Überwachungskameras uns bald auf Tritt und Schritt begleiten werden? Wie kann es sein, dass ganze Völker plötzlich in einem Generalverdacht stehen?
Ganz sicher: die politisch Unmündigen können die Fragen bestens beantworten.

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