„Franzosen schießen gegen Bush“

Mit dieser unglaublich dummen Überschrift labelt das ehemalige Nachrichtenmagazin Spiegel einen Artikel, der sich mit der französischen Kritik an der Kampfrhetorik der US-Regierung befasst:

„Das Böse und das Gute werden nicht vom Westen für ein bestimmtes Land oder einen bestimmten Kontinent dekretiert“, sagte Außenminister Philippe Douste-Blazy dem Radiosender RMC als Reaktion auf die jüngsten Äußerungen George W. Bushs. „Wir können keinen Krieg der Kulturen hinnehmen“

Eine bemerkenswert deutliche Kritik, die durchscheinen lässt, dass der „clash of civilizations“, den die Feuilletonisten der etablierten Medien als schicksalhaft-geschichtliches Erbe deuten, durchaus auch von westlichen Regierungen und ihren Spin-Doktoren fabriziert wird.

Die Überschrift verdeutlicht imo exemplarisch wie immun die Massenmedien in der Regel gegen profunde Kritik dieser Art sind. Die wird nämlich vom Spiegel in der Überschrift kaum noch wahrgenommen. Der Fokus liegt vollständig auf dem aus den Äußerungen herausgedeuteten Konflikt: Es wird ausschließlich wahrgenommen, dass es einen Konflikt zwischen den USA und Frankreich gibt, der durch die martialische Gewaltmetaphorik und die Simplifizierung (aus der allgemeinen Kritik an westlicher Propagandarhetorik wird Kritik an der Person Bush) in fast ebenbürtiger Bild-Manier entsprechend dramatisiert wird.

Das Ganze ist nicht ohne Ironie. Nicht nur, dass die französische Kritik (warum auch immer in diesem konkreten Fall geäußert mal beiseite gelassen) durch diese Dramatisierungen sprachlich zerstört und nivelliert wird. Vielmehr nutzt der Spiegel die Äußerung des französischen Außenministers über die gezielte Konstruktion eines Kulturkampfes, um selbst einen Konflikt medial aufzuladen bzw. in diesem Falle zu reaktivieren.

Wodurch eben auch deutlich wird, dass die etablierten Medien eher das Problem als die Lösung des erwähnten „clashs“ sind: Indem sie nämlich nicht, wie es ihrem propagierten Selbstverständnis entspricht, die Mechanismen der Konstruktion des gegenwärtigen ‚großen Kulturkampfes‘ freilegen, sondern selbst Teil des ideologischen Systems sind, die ihn erzeugen.

Einen Gruß von
Karlstadt

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