Der Spiegel nutzt erwartungsgemäß die durch die Rezeption der Papstrede entstandenen Empörung in Teilen des muslimischen Kulturkreises, um den so gerne beschwörten Kulturkampf kräftig aufzuheizen. Man braucht nur einen Blick auf die heutigen Überschriften auf Spiegel-Online zu werfen:


„Türkischer Kritiker hatte Rede nicht gelesen“

„Islamisten beuten Papst-Rede für Propaganda aus“
„PHILOSOPH KALLSCHEUER: „Benedikt sollte sich nicht entschuldigen“
„PROPAGANDA- SHOOTER Ballern für Bin Laden“

Der Artikel über die Propagandaausbeutung ist besonders bemerkenswert. Es ist nämlich schon fast amüsant zu beobachten, wie der Spiegel immer dann seine ideologie- und propagandakritischen Geschütze auspackt, wenn es sich um die „Anderen“ handelt. Dass der Propagandavorwurf m. E. berechtigt ist, das heißt im konkreten Falle die Papstrede von interessierten Gruppen instrumentalisiert wird (wie man ja auch bei der Empörung über die Mohammed-Karikaturen schon beobachten konnte), steht ja außer Frage. Das Problem besteht aber darin, dass man in der Wahrnehmung dieser Propaganda auf dem „abendländischen“ Auge blind zu schein seint.
Eine derartige Deutlichkeit nämlich sucht man bei Artikeln, die sich mit westlicher Propaganda befassen vergeblich, wie sich etwa bei der Spiegel-Betrachtung der vor absurder Propaganda nur so triefenden Bush-Rede zum Jahrestag von 911 zeigt. Hier wird die Propaganda mit sachlichen Überleitungen transportiert:

Im Krieg gegen den Terrorismus geht es nach Auffassung von US-Präsident George W. Bush um das Schicksal von Millionen Menschen in aller Welt

Bush betont weiter: „Wir haben es mit einem Feind zu tun, der entschlossen ist, Tod und Leid in unsere Heimstätten zu bringen.

Bush unterstreicht weiter, in dem Krieg gehe es um einen Kampf für die Zivilisation…

Bush rief Amerika zur Geschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus auf. „Das ist ein Kampf um die Zivilisation…

Eine deutlich andere Qualität als die im erwähnten Artikel verwendeten Wertungen wie „Besonders einseitig“, echauffierte sich“, „hasserfüllten Äußerungen“, „Öl ins Feuer gießen“ etc.
Vielleicht liegt diese offenkundige Sachlichkeit auch an dem Umstand, dass man den in der Bush-Rede transportierten ideologischen Denkmustern durchaus nicht abgeneigt ist beim Spiegel. Das zeigt sich auch in dem erwähnten Anti-Propaganda-Artikel von SPON, der implizit das verbreitete Stereotyp rationales aufgeklärtes Abendland vs. irrationalem Islam betont. Zwar verteidigt der Autor den Papst gegenüber dem Vorwurf, er habe die Vernunftsfähigkeit der islamischen Theologie in Frage gestellt, tut aber genau dies selbst am Anfang seines Artikels: „Zumindest vereinzelte Stimmen der Vernunft weisen aber auf den historischen und theologischen Zusammenhang der Papst-Vorlesung hin.“ Ergo: Der Großteil ist es nicht. Formulierungen wie z. B. „fundamentaler Angriff auf das Christentum“ etc. zeigen weiter, wie sehr der Autor dem ideologischem Kulturkampf verhaftet ist, beziehungsweise ihn bemüht.
Wobei dies noch eher handzahm ist, wenn man die die Kolumne von Hendryk M. Broder betrachtet, in der jener im Spiegel regelmäßig pauschal die gesamte muslimische Kultur als gewalttätig diffamieren und gegen eine sogenannte „Appeasement“-Politik mobil machen darf (Hier ein entsprechender Beitrag, leider kostenpflichtig).

Angesichts dieses medialen Kulturkampfes, wie ihn augenscheinlich der Spiegel führt, werden die im Artikel kritisierten Äußerungen des Internetportals muslim-markt, in dem der Vorwurf erhoben wird, der Papst mache sich mit seiner Rede zum „Werkzeug des Kulturkampfes“, zumindest verstehbar.
Ich zweifle zwar daran, dass dieser Vorwurf auf den Papst und seine Rede zutrifft. Dass er auf den „Spiegel“ zutrifft, steht jedoch außer Frage.

Einen Gruß von
Karlstadt

Advertisements