Die Absetzung der Oper Idomeneo ist natürlich wieder mal eine ideale Gelegenheit für Intellektuelle und Qualitätsjournalismusfeuilletonisten, aus ihren konservativen Löchern zu kriechen und wacker für die Freiheit von westlicher Kunst und Rede einzutreten. Selbstredend ein ziemlich ungefährlicher und gewinnbringender Kreuzzug: Kann man sich doch politisch korrekt und im sicheren Gefühl mit den Tonangebern des Landes in Einklang zu sein als mutige „Demokratiepuristen“ gebären.

Dieser Freiheitsgestus ist angesichts der zu beobachteten Verhältnisse geradezu absurd. Wie opportun und fadenscheinig dieser Gestus ist, zeigt sich daran, dass die gleichen öffentlichen Akteure kein Problem damit haben, dass diese Freiheit – im Namen der Verteidigung der westlichen Freiheit vor dem Muselmann – seit Jahren durch die zunehmende Einschränkung von Bürgerrechten verteidigt wird.

Wie ernst es übrigens mit der beschworenen künstlerischen Freiheit ist, zeigt sich, wenn die eigenen Mainstream-Tabus gebrochen werden. Wie etwa im Fall Handke: Aufgrund seiner vermeintlichen Sympathisantenschaft mit dem damaligen zum Großinquisitor aufgebauten Slobodan Milosevic hatte der Düsseldorfer Stadtrat im Mai diesen Jahres parteienübergreifend verhindert, dass der Heine-Preis an Peter Handke übergeben wird.
Aus den gleichen Gründen erlitt ein Handke-Stück in Frankreich ein ähnliches Schicksal wie Idomeneo. Nachdem bekannt geworden war, dass Peter Handke dem Begräbnis von Milosevic beigewohnt hatte, wurde sein Stück „Spiel von Fragen“ von dem Leiter der „Comedie Francaise“ abgesetzt.

Erwartungsgemäß blieb in diesen Fällen offensichtlicher künstlerischer Zensur der leidenschaftliche Schrei nach Freiheit, wie er gerade durch die mediopolitischen Flure hallt, weitgehend aus, vielmehr wurde diese von intellektueller und medialer Seite unterstützt (besonders entschieden mal wieder der Spiegel:„In Düsseldorf wird vermutlich ein selbstbewusster Stadtrat die groteske Entscheidung einer – bestenfalls ahnungslosen – Jury, korrigieren, dem europäischen Hofsänger von Slobodan Milosevic den Heinrich-Heine-Preis zu verleihen“).

Den Schluss, den man daraus ziehen kann: Freiheit ist nur dann eine schützenswerte, wenn sie sich freiheitlich den herrschenden Glaubenssätzen und Ideologien des tonangebenden mediopolitischen Mainstreams in die Arme wirft.
Ein solcher Freiheitsbegriff ist letzendlich nichts anderes als getarnter Konformismus. Und eben nichts anderes als dergestaltige Konformisten sind die oben genannten Freiheitskämpfer. Mit ihrem ideologischen Freiheitsbegriff machen sie sich, bewusst oder unbewusst, zu ‚Hofsängern‘ eines Kulturkampfes, der durch die Erzeugung von Ressentiments und Angst zu einem zentralen Herrschaftsinstrument geworden ist.

Einen Gruß von
Karlstadt

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