Die mediale Interpretation der kürzlich aufgetauchten Videos, die angeblich Mohammed Atta und co. in einem afghanischen ‚Terrorcamp‘ zeigen, ist durchaus aufschlussreich. Sie zeigt nämlich, dass es kaum strukturelle Unterschiede zwischen den Deutungsmustern sogenannter „Verschwörungstheorien“ und „offiziellen“ und damit legitimen Deutungsmustern gibt.

Geht man nach den etablierten Medien und den Humanwissenschaften, die bezüglich der Bewertung von „Verschwörungstheorien“ sich meist bemerkenswert einig sind, dann ist ein Hauptmerkmal von Verschwörungstheorien, dass sie scheinlogische und fiktive Kausalzusammenhänge zusammenspinnen, mittels denen sie ihr unterkomplexes und paranoides Weltbild zusammenbauen. Hier eine typische wissenschaftiche Charakterisierung, die sich im Kern bei fast allen wissenschafltichen Texten über „Verschwörungstheorien“ finden lässt:

Verschwörungstheorien sind einerseits oft widersprüchlich. Andererseits besitzen sie eine bestimmte ‚Logik’ und Kohärenz, die in der Wirklichkeit gar nicht existiert. Fakten werden in Kausalzusammenhänge gesetzt, wo keine bestehen, Zufälle werden bestritten, der äußere Schein in sein Gegenteil verkehrt. Die Leitfrage des Verschwörungstheoretikers lautet dabei stets: Cui bono? Dies impliziert: Wem ein Ereignis nützt, der muss es auch verursacht haben. Auf der Basis dieser nicht hinterfragten Prämisse werden dann detaillierte Begründungszusammenhänge konstruiert.

(Tobias Jaecker: Antisemitische Verschwörungstheorien im deutschen Mediendiskurs nach dem 11. September, soFid Kommunikationswissenchaft 2005/1)

Nun betrachte man, diese Bestimmungen im Hinterkopf, die offizielle Interpretation des Videos durch die Londoner Times:

Zunächst einmal erstaunt die unkritische Akzeptanz der Echtheit der durch „bewährte Kanäle“ bereitgestellten Videos, die von anonymen us-amerikanischen und al-quaidischen Quellen bestätigt wurde. Die naheliegende und relevante Frage, inwieweit solchen anonymen Wissensquellen vertraut werden kann, wird nicht mal im Ansatz gestellt.

Interessanter ist jedoch die Art und Weise, wie das Material durch die Times und sich daran orientierenden deutschen Medien gedeutet wird:

Zunächst einmal kurz zu den Informationen, die die aufgetauchten Videos zur Verfügung stellen:
Man sieht eine Versammlung im Freien, vor der Osama bin Laden eine Rede hält. Ein Zeitstempel ist eingeblendet, der das Datum 8.1.2000 anzeigt. Wo diese Zusammenkunft stattfindet, ist nicht wirklich ersichtlich. Dann gibt es weitere Videos, die laut Zeitstempel 10 Tage später aufgenommen wurden und vermutlich Mohammed Atta und Ziad Samir Jarrah zeigen, sowohl einzeln als auch zusammen, die etwas in die Kamera sprechen. Alle beschriebenen Aufnahmen sind ohne Ton zu sehen (was etwas seltsam ist, wenn man bedenkt, dass ein Testament, das vorgelesen werden soll, als Stummfilm ziemlich unbrauchbar ist).

Diese relativ spärlichen Informationen werden jedoch in der Times zu einem der letzten ‚Puzzleteile‘ der Hintergründe des 11. Septembers stilisiert. Dabei werden, wie Herr Jaecker oben über „Verschwörungstheorien“ schreibt, Schlüsse gezogen und Begründungszusammenhänge konstruiert, die das Material nicht hergeben.

Zunächst wird das Setting genau bestimmt: Obwohl es keine erkennbaren Hinweise darauf gibt, wo die Bilder aufgenommen wurden, wird postuliert bzw. suggeriert, dass die Bilder ein afghanisches ‚Terrorcamp‘ zeigen, wobei sich auf US-Geheimdiensterkenntnisse berufen wird.
Ist diese Schlussfolgerung noch irgendwie plausibel (obwohl nicht erklärt wird, wie man verifiziert hat, dass es sich um das besagte ‚Terrorcamp‘ handelt), werden bei der Interpretation der Atta/Jarrah-Videos Begründungszusammenhänge geschaffen, die sich nicht zwingend aus den Videoaufnahmen ergeben. So wird ignoriert, dass trotz der Tatsache, dass die verschiedenen Videoaufnahmen auf einer Kassette zu finden sind, kein erkennbarer und zwingender Zusammenhang zwischen der Aufnahme der Osama-Rede und den anderen Aufnahmen bestehen, da weder Atta noch Jarrah auf diesem Video zu sehen sind. Zudem sind die Anhaltspunkte, wo die Aufnahmen gemacht wurden, noch spärlicher als auf dem ersten OBL-Video. Dennoch wird medial ganz selbstverständlich ein Zusammenhang zwischen den verschiedenen Ausschnitten hergestellt wird, wie folgendes Zitat aus der Times verdeutlicht:

TEN days after Bin Laden’s Eid speech, according to the date on the film, Atta and Jarrah read their martyrdom wills to the camera. This proof of their presence in Afghanistan at that time is just about the final main piece of the jigsaw: Atta, the man who decided zero hour on September 11 is for the first time on video, getting ready to record his “martyrdom” will.

Durch diese wagemutigen Schlussfolgerungen werden die wenig aussagekräftigen Stummfilme von Atta und Co. als „main pieces“ des großen 911-Puzzles gefeiert, das die Medien seit über fünf jahren zusammengesetzt haben.
Dieser Einschätzung schließen sich auch die deutschen Mainstream-Medien weitgehend an, allen voran der Spiegel, der die Aufnahmen ähnlich wie die Times als Beweis für die Anwesenheit der beiden in Afghanistan ansieht.

Das vollendete Werk wird am Schluss des Artikels schließlich in einer Time-Line („Atta’s journey to mass murder“) präsentiert, in dem das fehlende Puzzle-Stück eingefügt ist:

January 2000 At Bin Laden’s Tarnak Farm he is filmed laughing and joking with Jarrah while filming his last will and testament

So wird schließlich ganz in der von Jaecker beschriebenen „verschwörungstheoretischen“ Manier zweifelhafte und unreflektierte Interpretation durch kreative Begründungszusammenhänge in objektive Gewissheit überführt und in das bestehende ‚offizielle‘ Deutungsschema eingefügt, das wiederum zur unhinterfragten Grundlage für die Fabrikation weiterer Erkenntnisse und Beweise dienen kann.
Nach soviel Arbeit an der Wahrheit hat sich der Autor dann auch das obligatorische Verschwörungstheorien-Bashing mehr als verdient:

Now the investigators have the proof, and only the flakiest of anti-American fantasists can go on claiming that Bin Laden, Atta, Jarrah and co had no hand in September 11.

Einen Gruß von
Karlstadt

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