„Und Angela Merkel ist uns jetzt aus Berlin zugeschaltet“, mit diesen Worten bereitete Marietta Slomka, die News-Frau des heute-journals die Zuschauer auf das Interview mit der Bundeskanzlerin in der Sendung vom 22. November 2006 vor. Der 22. November war für alle Journalisten, die dem Fetisch des Jahrestagsjournalismus huldigen, ein ganz besonderer Tag: Ein Jahr große Koalition – wenn das kein Nachrichten-Aufhänger par excellence ist! Es war abzusehen, dass das heute-journal ebenfalls seinen journalistischen Beitrag zum Thema abliefern wollte. Doch wäre das heute-journal nicht das heute-journal, wenn die Redaktion sich nicht etwas ganz besonderes Pfiffiges ausgedacht hätte, um der Berichterstattung den notwendigen Glanz zu verleihen. Für die Zuschauer (und uns) nur das Beste, musste sich die Redaktion von heute gedacht haben. Ein Interview mit der Bundeskanzlerin war da genau das Richtige.

An und für sich auch eine gute Idee, bietet sich doch so die Möglichkeit, die Kanzlerin, also die Frau, die neben dem Bundespräsidenten die höchste (formale) Verantwortung für die Bundesrepublik inne hat, kritisch zu befragen.
Wir erinnern uns daran, dass Journalisten eine besondere Stellung in der Gesellschaft zukommt; idealtypisch funktionieren sie als Kontrollorgan der Demokratie. Aufgrund ihres Berufes sind sie in der Lage, mit den Herrschenden direkt in Kontakt zu treten, können Fragen stellen, die die Menschen im Land interessieren. Fragen, die diese Menschen wahrscheinlich niemals persönlich stellen können. Und, da wir alle wissen, dass die Anforderungen an Journalisten in etablierten Medien hoch und die Zugangswege schwierig sind, könnten wir eigentlich davon ausgehen, dass nun ein Lehrstück der kritischen Interview-Kunst folgt.

Doch die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Erwartung und Realität macht auch vor dem heute- journal nicht halt.„Ein Jahr im Kanzleramt: Wie isses denn so, Kanzlerin zu sein?“, fragt Frau Slomka mit einem herzlichen Lachen die Kanzlerin. Diese antwortet darauf, dass es Freude macht, Kanzlerin zu sein, dass es natürlich auch schon schwierige Momente gegeben hat und dass die Getränke im Kühlschrank des Kanzleramtes ganz doll kühl sind. Gut, das mit den Getränken und dem Kühlschrank im Kanzleramt, das hat sie nicht gesagt. Hätte aber ganz gut reingepasst in das Interview im Kuschelformat. So sieht es aus, wenn Frau Slomka nachhakt: Das Jahr im Kanzleramt, war aber doch auch bestimmt „ein sehr anstrengendes Jahr?“ Eine Frage, die die Kanzlerin zum Anlass nimmt, auf ihre große Verantwortung hinzuweisen, aber auch zu betonen, dass es ja glücklicherweise Mitarbeiter gibt, die tatkräftig mit anpacken.
All diejenigen Fernsehzuschauer, die sich noch an den Wutausbruch des ehemaligen Bundestrainers Rudi Völler erinnern, als dieser auf die anhaltende Kritik an seiner Mannschaft in einem Interview in der ARD mit Waldemar ‚Waldi’ Hartmann klarstellte, dass es keinen „tieferen Tiefpunkt“ als den „Tiefpunkt“ geben könne, belehrt Frau Slomka nun eifrig und emsig eines besseren:
„Jeder, der einen neuen Job antritt, macht auch neue Erfahrungen. Aus welcher Erfahrung haben Sie am meisten gelernt? fragt Marietta Slomka. Danach folgen lustige Fragen wie: „Sehen Sie denn ihre Rolle in der großen Koalition eher als Anführerin oder als Vermittlerin?“ Und: ob Sie denn erwarte bei dem bevorstehenden Parteitag anstatt wie beim letzten Mal 88 Prozent der Stimmen, nun 90 Prozent oder vielleicht nur 70 Prozent der Stimmen zu bekommen. Da wir gerade bei Zahlen sind: 6 Minuten und 31 Sekunden dauerte das Interview im Schonwaschgang. 6 Minuten und 31 Sekunden, in denen wahrscheinlich jeder Schüler der Mittelstufe kritischere Fragen gestellt hätte. Stattdessen verwiesen die mal mehr und mal weniger offensichtlichen mimischen Sympathiezugeständnisse von Frau Slomka auf die unbewusste Komplizenschaft von manchen Journalisten mit den Weichenstellern unseres Landes.
Bei aller Kritik darf jedoch nicht vergessen werden: „Mit dem Zweiten sieht man besser“. Wenn da nur nicht die Sache mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wäre…

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