Wer heute die Begründungen für die Einstellung des Mannesmann-Verfahrens vernommen hat, der könnte leicht die Rollen von Anklage und Verteidigung verwechseln. Bei so viel offenkundiger Einigkeit zwischen Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidigung mögen sich sich Herr Ackermann und Co. vielleicht gar mittlerweile gefragt haben, ob sie das viele Geld für die Verteidiger sich nicht hätten sparen können.

So argumentiert einer der Staatsanwälte, Dirk Negenborn, dass es „theroetisch denkbar“ wäre, dass es bei den Prämien nicht nur um kleine Gefälligkeiten gehandelt habe, sondern „möglicherweise eine Anreizwirkung“ bestanden habe (Da würde ich doch gerne mal wissen, worin diese „Anreizwirkung“ theoretisch begründet liegt). Ziemlich sicher hat das die Verteidigung auch so gesehen; theoretisch denkbar also, dass die von den beiden Parteien festgestellten interpretatorischen Schnittmengen zu der schnellen Beantwortung der Frage „Deal or no deal“ beigetragen hat. Soviel Schnittmenge lässt natürlich bei manchen etwas skeptischeren Beobachtern leichtes Unbehagen aufkommen: Könnten sie doch den Eindruck haben, dass da jemand aus der üblichen staatsanwaltlichen Rolle herausgefallen sei. Wie wohltuend da die balsamierenden und leidgeprüften Worte des Herrn Negenborn: »Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht.« Dankeschön dafür, Herr Negenborn.

Auch der Richter, hört man seiner Worte, scheint Bruder im Geiste der Verteidigung zu sein: Die Angeklagten seien in der langen Vergangenheit einer „überdurchschnittlichen Belastung“ (ob das der Verteidigung eingefallen wäre?) ausgesetzt gewesen (ja, Fingerspreizen ist anstrengend). Zudem hat er in sehr absehbarer Zeit gesehen, dass die „offenen rechtlichen Fragen“ (ei, gibt’s die tatsächlich noch?) in absehbarer Zeit nicht zu klären wären. Und da er all dies erkannt hat, hat er darauf erkannt, dass das rechtlich repräsentierte Volk genausowenig an einer Klärung dieser Fragen interessiert ist, wie Staatsanwaltschaft und Verteidigung und hat dann im Namen des Volkes und für das Volk dem Volk erklärt, dass es kein Interesse mehr an der Fortsetzung des Verfahrens hat.
Ich gebe zu, diese Interesselosigkeit war mir bis jetzt überhaupt noch nicht bewusst. Und vielen anderen aus dem Volk wohl auch nicht. Deshalb für so viel repräsentierendes und erkenntniserweiterndes Einfühlungsvermögen auch an den Herrn Richter ein schönes Dankeschön. Aufgrund fehlender repräsentativer Kompetenzen leider nur von mir.

Einen Gruß von
Karlstadt

P.s.: Hier ein Artikel mit der Stellungnahme des Landgerichts Düsseldorf im Wortlaut.

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