Das kürzlich aufgetauchte Video einer BBC-Sendung vom 11. September 2001, in der über den Zusammenbruch des WTC7-Gebäudes berichtet wird, während es noch im Bildhintergrund zu sehen ist, hat zu großer Aufmerksamkeit (und Aufgeregtheit) in der alternativen 911-Bewegung geführt, die zum Teil auch im medialen Mainstream (z. B. im Focus und der Süddeutschen ) bemerkt worden ist.

So wünschenswert auch grundsätzlich die Aufmerksamkeitskanalisierung auf alternative Deutungen zu 911 sein mag, so ärgerlich ist die zu beobachtende simplifizierende und einlinige Interpretation des Videos durch einen Großteil der 911-„Skeptiker.“

Obwohl das Video mehrere ‚Lesarten‘ zulässt (wie z. B. eben eine Falschmeldung, wie von der BBC behauptet – es gab mehrere Falschmeldungen an diesem Tag), sehen die bezeichneten „Skeptiker“ darin den endgültigen „Beweis“ dafür, dass der 11. September ein Komplott der US-Amerikanischen Regierung samt Massenmedien wie der BBC war. So titelt etwa www.911komplott.de, dass die BBC-Nachrichtensendung ein „Medien-Komplott“ beweise. Auch bekannte „Verschwörungstheoretiker“ wie der gerne übers Ziel hinausschießende Wisnewski spekulieren angesichts des „Videobeweises“ über „geheime Drehbücher“, nach denen der 11. September choreographiert worden sei („Ganz sieht es so aus, als wäre der 11.9. tatsächlich nach einem geheimen Drehbuch abgespult worden, das von der BBC eben zu früh ausgeplaudert wurde.“). Sogar die eigentlich nüchterne Netzzeitung suggeriert in ihrer Überschrift, dass das Video die 911-Verschwörungstheorien stütze (was in gewisser Hinsicht ja auch durchaus zutrifft).

Wie gesagt, das Video beweist zunächst einmal gar nichts, außer vielleicht einem Wissensdefizit (was in einem seltsamen Widerspruch zu dem ausgefeilten „Drehbuch“ der mediopolitischen Verschwörer stünde) der Kommentatoren, die offenkundig über ein zusammengestürztes Gebäude reden, während es im Bildhintergrund zu sehen ist. Das Video als Beweis für eine Großverschwörung zu sehen, beweist vor allem, dass es vielen sogenannten 911-„Skeptikern“ um nichts anderes geht, als darum, empirische Fakten in ihr vorgefertigtes ‚Weltbild‘ einzupassen. Und das ist das genaue Gegenteil eines erkenntnistheoretischen Skeptizismus, wie sich ihn viele „Skeptiker“ und „Wahrheitssucher“ auf die Fahne (oder Webseite) schreiben.

Letzendlich zeigt sich an diesem Fall eine ähnliche Gläubigkeit und ein Hang zur „kognitiven Dissonanzreduktion“ wie bei den etablierten Medien, die alle der offiziellen Lesart widersprechenden Fakten (z. B. das Ignorieren des erstes Videos von Bin Laden, in dem er eine Beteiligung an den Anschlägen verneint) zu 911 systematisch ausblenden.

Es geht mir hier nicht um die Diskreditierung des 911-Truth-Movements. Die Hinterfragung der offenkundig zweifelhaften offiziellen Geschichtsschreibung des „11. September“ ist und bleibt eine essentielle Aufgabe. Eine spekulative und unkritische „Konspirologie“ (Bröckers), wie oben beschrieben, dient jedoch in keiner Weise der Aufklärung der Hintergründe der Anschläge des 11. September 2001, sondern vielmehr dazu, die bestehenden Klischees über „Verschwörungstheorien“ zu verstärken und die Arbeit von wirklichen Skeptikern wie etwa Daniele Ganser, Andreas Hauß, Mathias Bröckers et al. zu sabotieren.

Karlstadt

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