Dass Journalisten in etablierten Medien eine doch recht eigenwillige Interpretation von kritischem Journalismus haben, ist kein Geheimnis. Die Gründe hierfür sind klar: Auf dem Olymp ihres journalistischen Wirkens angekommen, ist jeder dieser Vorzeigejournalisten darauf bedacht, auch möglichst lange dort zu bleiben. Ansehen und gutes Geld sind zwei der Anziehungskräfte, die das Verweilen auf dem Berg der Götter erstrebenswert machen. Von diesem Standpunkt ist es verständlich, dass alle, die die (vermeintliche) Bergspitze des Journalismus erklommen haben, sich nicht durch unbequeme Fragen und einen kritischen Journalismus selbst ins Tal stürzen möchten. Kurz um: Die Verhältnisse sind bekannt, man ist einiges gewohnt von den Gipfelstürmern im Journalismus.

Wir haben vor einigen Monaten an dieser Stelle schon mal einen Beitrag über den Kuscheljournalismus im heute journal veröffentlicht. Das sich seit dieser Zeit das heute journal mit seinen Protagonisten verändern würde, war nicht zu erwarten. Und doch: Gestern Abend toppte der Chef des heute journals, Claus Kleber, den üblichen und eigentlich ohnehin kaum zu überbietenden Schmusekurs seines Nachrichten-Flagschiffs mit politischen Funktionsträgern. Seit dem befindet er sich sozusagen: over the top.

In einem Interview mit Familienministerin Ursula von der Leyen sprach Kleber über ihr Vorhaben, mehr Krippenplätze in Deutschland zu schaffen. Das Interview, das mal wieder weitestgehend einem Austausch von verbalen Zärtlichkeiten glich, wäre noch nicht mal mehr eine kleine Polemik wert, wäre da nicht dieser Schluss, in dem Kleber im ‚Eifer des Gefechts’ seines Interviews vermutlich ganz unbewusst eine entlarvende Abmoderation macht. Hier das Zitat:

„Sie haben Zeit bis zum 16 April für ihre Ideen zu werben. Sie haben bei uns begonnen damit. Dankeschön und einen guten Abend.“

Nun ist es nachvollziehbar, dass Politiker die Medien nutzen, um ihre Politik und ihre Ideen, der Öffentlichkeit mitzuteilen. Allerdings sollte immer auch – mal abgesehen von den Wahlwerbespots – ein kompetenter Journalist zwischen geschaltet sein, damit Propaganda und politische Manipulation entsprechend dechiffriert werden.
Dass Nachrichtenchef Kleber nun die ideologischen Fallstricke der Aussagen von Frau Von der Leyn weder für sein Publikum dechiffriert noch dekonstruiert, war abzusehen. Dass er sich aber noch mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht, für die ‚Werbung’ bedankt, verweist auf die Abgründe im Mainstreamjournalismus. Damit hat der Anchorman offen sprachlich unterstrichen, dass das heute journal eine Werbesendung für die Politik ist.

Eine weitere Kommentierung der gemachten Abmoderation aus dem Interview ist nicht notwendig, denn die Aussage beinhaltet so offensichtlich alles, was sie eigentlich verbergen wollte.

Mit der Mischung aus Freundlichkeit (bloß keinen wirklich verärgern) und pseudokritischen Kommentaren und Aussagen ging es dann mal wieder weiter im heute journal bis zu der Stelle, als Claus Kleber eine Anmoderation für einen Beitrag bezüglich der Airbus-Problematik machte und er zur Abwechslung mal richtig lustig sein wollte:
„Heißt es nun Airbus oder Airbüs?“, (einmal deutsch, einmal französisch ausgesprochen) fragte Kleber nicht ohne Freude über diese ‚witzige’ Moderation.
Tja, wer weiß? Airbus, Airbüs oder vielleicht sogar Airtschüss? Die Antwort blieb er seinen Zuschauer schuldig.

Man kann nur spekulieren, aber gewiss würden Kleber&Co die hier geäußerte Kritik an ihrem Journalismus ganz anders sehen.

Doch, um noch mal das Eingangs des Artikels verwendete Bild des Berges zu gebrauchen: Von oben betrachtet, sieht die Welt halt ganz anders aus.

Bud Spencer

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