In Deutschland ist es schon gelebte Tradition: Wenn es um Politik und die USA geht, dann sind politisch interessierte Deutsche immer zu einem Schnellschuss bereit, der auf die Intelligenz der US-amerikanischen Bevölkerung zielt. „Die Amis, die haben doch keine Ahnung, was in ihrem Land vorgeht.“ Oder: „Die wissen doch gar nicht, sich kritisch mit der Politik ihres Landes auseinanderzusetzen.“ „Die Amis äußern ihre Meinung nicht so frei wie wir in Deutschland. Außerdem haben die eh keine selbständige politische Meinung“. So oder ähnlich zeigt sich immer wieder im sprachlichen Raum das reflexartig zum Vorschein kommende Amerikabild vieler Deutschen. Dabei ist es schon tragisch ironisch, dass gerade jene Kreise, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit einsetzen, häufig solche Aussagen benutzen und sich damit selbst gedanklich fremdenfeindlicher Ausläufer bedienen.
Das häufig sehr einseitige Amerikabild, welches immer wieder in Diskussionen zum Vorschein kommt, ist jedoch kein Abbild der Realität. Dass die amerikanischen Medien die Bevölkerung massiv manipulieren, dass freie Meinungsäußerung in den USA schwierig ist, dass sich seit dem 11. September der US-amerikanische Patriotismus immer mehr von seiner negativen Seite zeigt, all das sei nicht bestritten. Genau so wenig kann geleugnet werden, dass Teile der Bevölkerung politisch hochgradig verblendet sind und in einer Form von unhinterfragtem Patriotismus den Direktiven ihrer politischen Führung folgen.

Auf der anderen Seite steht jedoch ein Teil der Bevölkerung, der eine Kritik an den gesellschafts-politischen Geschehnissen im Land zum Ausdruck bringt, wie es in Deutschland nur selten der Fall ist.

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US-Amerika, und das mag manchen Deutschen überhaupt nicht schmecken, hat eine lange Tradition von kritischer politischer Partizipation seiner Bevölkerung. So wird z.B. die Kultur des auf-dem-T-Shirt-die-eigene-politische-Meinung-kund-zu-tun in Deutschland kaum praktiziert (zwar ist es in Deutschland über die letzten Jahre auch Mode geworden, Botschaften auf T-Shirts zu drucken, doch sind die Botschaften häufiger apolitisch beispielsweise: ‚Ich bin 30, helfen Sie mir über die Straße’) .
Genau so verhält es sich mit Autoaufklebern, mit denen die amerikanischen Autofahrer ihren kleinen Teil zur öffentlichen Meinung beitragen.
Politik drücken Amerikaner häufig direkt, durch sich selbst aus. Interessant ist hierbei, dass diese Kultur der persönlichen politischen Partizipation durch alle Klassen und Berufsfelder zu beobachten ist. Der Rapper aus dem Ghetto bedient sich diesen Formen der politischen Mitteilung genauso wie der leitende Angestellte. In Deutschland wäre es fast schon unvorstellbar, wenn der Filialleiter einer Bank an einem Samstagmorgen mit einem ‚Investigate 9/11’ T-Shirt durch die Stadt laufen würde.

Sichtbarer Ausdruck einer kulturell verwurzelten republikanischen Tradition, die darauf verweist, dass politische Partizipation im Alltag und Selbstverständnis vieler US-Amerikaner fest integriert ist

Zu häufig machen die Deutschen einen weiteren Fehler, wenn es um die politische Einschätzung Amerikas geht. Da wird Amerika in rechts und links, in liberal und konservativ eingeteilt, was zwar der Einfachheit halber praktisch ist, was aber der politischen Realität nicht gerecht wird. Längst gibt es Liberale, die auf einem vernünftigen Weg patriotischer sind, als Konservative und so genannte ‚Rechte’, die sich auch mit so genannten ‚Linken’ Ideen anfreunden. Natürlich gibt es durchaus noch die Amerikaner, die sich in das klassische Bild des Rechten oder des Linken einteilen lassen können, seit dem 11. September aber haben sich die Zuschreibungen der jeweiligen politischen Spektren verschoben.
Der Radio-Moderator Alex Jones, dem man durchaus als rechts, als patriotisch, als konservativ beschreiben kann, wenn man sich dieser Abgenutzten und mit Ideologie beladenen Begriffe bedienen möchte, hat jüngst in einer seiner Radiosendungen den aktuellen Stellenwert von Old Glory, der US-amerikanischen Flagge angezweifelt. Aufgrund der Tatsache, dass viele Amerikaner, die das Banner ihres Landes geradezu schon inflationär gebrauchen, blind einer degenerierten Politik folgen, sagte Jones, dass die amerikanische Flagge nicht mehr für Freiheit, sondern für einen sich ausbreitenden Faschismus steht. Gleichzeitig applaudieren ihm so genannte Liberale, wenn er von der Bedeutung des Rechts auf Waffenbesitz spricht. Längst ist es nichts Ungewöhnliches mehr, dass so genannte Rechte, ihre Unterstützung für eine lesbische Moderatorin aussprechen, die jüngst massiv die Politik der Bush Regierung kritisierte. Diese Beobachtungen kann man häufig in den USA machen.

Wahrscheinlich ist das Phänomen der Verschiebung der politischen Spektren ein Beleg dafür, dass Amerikaner längst nicht so blöde sind, wie es in Deutschland leider nur allzu bereitwillig gesehen wird!

Bud Spencer

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