Man erinnert sich. Im September 2005 wurde das deutsche Volk von der Bertelsmann-Stiftung und den großen Leitmassenmedien mit der Du-bist-Deutschland-Kampagne beschenkt. Mit poetischen Perlen wie „Du bist der Flügel, du bist der Baum“, untermalt vom rührigen Forrest-Gump-Thema, versuchten die „Partner für Innovation“, nationale Stimmung und Eigeninitative zu fördern. So wurden beispielsweise Niedriglohnverdiener und Hartz-Vier-Empfängern durch ansprechende Text-Bild-Kombination vor Augen geführt, dass auch sie mit ein bißchen mehr Eigeninitiative mehrfacher Formel-Eins-Weltmeister geworden wären oder z. B. die einsteinsche Relativitätstheorie verstehen würden. Ohne freilich zu vergessen, tröstend darauf zu verweisen, dass man auch als Billiglohn-Schuhputzer den nationalen Laden zusammenhalten kann.

Auch wenn einige notorische Internet-Nörgler öffentlich und ungefragt ihre mangelnde Wertschätzung für das Geschenkte und die Schenkenden absonderten (und sich beispielsweise über historischen Ideenklau echauffierten), ist das Social-Marketing-Projekt von den federführenden Wohltätern als Erfolgsgeschichte eingestuft worden, das dazu beigetragen hat, dass jeder von uns tief drinnen ein bißchen mehr eigeninitiatorisches Deutschland geworden ist.

Wohl Grund genug, eine Fortzetzung der Du-bist-Deutschland-Kampagne in Angriff zu nehmen. So ist jüngst vom Spiegel verlautbart worden, dass schon wieder ein neues Geschenk in der Mache ist. Auf einem „Mediengipfel“, so das Blatt, werde noch um die Finanzierung des Volksgeschenkes gerungen, man kann aber wohl davon ausgehen, dass sich der edlen Sache halber willige Potentaten finden lassen werden.

Das geflügelte „Du-bist-Deutschland“-Motto will man übrigens beibehalten. In der Neuauflage steht jedoch nicht die Hebung der „nationalen Laune“ im Visier der Innovatoren, sondern die Förderung von Kinderbegeisterung, etwas prosaischer ausgedrückt: die Stimulierung der sozialen Fertilitätsrate also.

Die Nation darf sich folglich begründet darauf freuen, bald medienplattformübergreifend – mit einer wohl kaum weniger rührigen Musikuntermalung (Mein Tipp: Whitney Houstons „I believe the childrens are the future/Teach them well and let them lead the way/Show them all the beauty they possess inside, lalalala) – in große unschuldige Kinderaugen aller Couleur blicken zu können, deren Träger auf prominenten Armen verschiedenster Art hin und her geschwungen werden.

Wie das im Einzelnen auch aussehen mag, man kann sich jedenfalls sicher sein, dass die Innovatoren mit ihrer Du-bist-Deutschland-Biopolitik alles daransetzen werden, die anvisierten trägen deutschen Keimzellen dazu anzuregen, sich eigeninitatorisch für Volk und Vaterland zu vereinen und zu volkswirtschaftlich wertvollem Humankapital zu mutieren.

Karlstadt

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