August 2007


Fast punktgenau mit dem Eintreffen Angela Merkels zum Staatsbesuch in China schlug der Spiegel in seiner Titelgeschichte vom Montag Alarm. In eindringlicher Form beschwört diese die Bedrohung des deutschen Staates durch chinesische Wirtschaftsspionage. In dem Artikel findet sich eine verdichtete Ansammlung von einfachen rassistischen Stereotypen, Klischees und Verschwörungstheorien, die den Artikel geradezu zu einem Paradebeispiel für einen manipulativen Journalismus werden lässt.

Die angeführten Strukturelemente der Titelgeschichte zeigen sich schon symbolisch verdichtet in der Covergestaltung des Nachrichtenmagazins. So offenbart der Titel „Die gelben Spione“ deutlich den rassistischen Grundton des Artikels, indem, ganz typisch für rassistische Wahrnehmungsmuster, die Mitglieder einer Volksgruppe auf ein einziges Merkmal, d.h. auf ihre Hautfarbe reduziert werden (was im Artikel leicht variierend wiederholt wird: „die gelbe Gefahr“). Ein anderer erhellender Aspekt: Die attraktive Chinesin, die durch eine rote Jalousie blickt, und ebensogut einem James Bond-Film entstammen könnte, verweist sowohl auf die wirkungsvollen mediensozialisatorischen Einflüsse, denen die Spiegel-Macher unterliegen, als auch auf den generell für den Spiegel der letzten Jahre zum Markenzeichen gewordenen Hang zum Klischee und zum Fiktionalen.

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Dieser Hang zum fiktionalen Erzählgenre findet sich auch zu Beginn des Artikels, in einem „szenischen Einstieg“, wie er strukturgleich seit Jahrzehnten vom Spiegel verwendet wird.

„Es war an einem Dienstag im Mai, als die Bundesregierung vom Angriff auf Deutschland erfuhr:Im Lagezentrum des Kanzleramts, vierte Etage. saßen an diesem Morgen die Staatssekretäre der wichtigsten Ressorts: Innen, Außen, Justiz und Verteidigung.“

Ein paar Zeilen später lässt der Spiegel in aller Fabulierkunst, als ob das Autorenkollektiv mit im „Lagezentrum“ gesessen hätte, einen „Mann im Raum“ erstehen, der mit „eisgrauem Bart“ und „festem Blick“ von der analogen und digitalen „gelben Gefahr“ warnt. Diese Gefahr wird auf den folgenden Seiten mit mehr oder weniger subtilen diskursiven Strategien, die als Lehrstück massenmedialer Propaganda dienen könnten,untermauert und beschworen. So wird die Bedrohung durch „Trojaner“ und Spione aus China mit drastischen Begriffen dargestellt, wobei man sich vor allem einer militärischen Terminologie bedient. Schon das Setting des „szenischen Einstiegs“ mit dem angeführten „Lagezentrum“ und dem erfolgten „Angriff auf Deutschland“ ist eindeutig an ein Kriegsszenario angelehnt, das folgend weiter ausgebaut wird: Der Spiegel schreibt eine Geschichte von „digitalen Armeen“, „digitalen Abwehrschlachten“, „Spionagetrupps“, lässt eine „Volksarmee“, ein „Heer von Chinesen“ aufmarschieren, die einen Angriff auf „unsere Volkswirtschaft“ ausüben. Generell wird so sprachlich – gleich ob bewusst oder unbewusst – aus einem Akt der Wirtschaftskriminalität ein kriegerischer Akt gemacht, und so in den Sinnbereich des Militärischen überführt: in der Regel ein bewährtes und wirksames agitatorisches Mittel, um ein simples Freund-Schema zu konstruieren, durch das man die eigene Bevölkerung gegen einen „Staatsfeind“ mobil machen kann.

Kombiniert wird diese metaphorische Militarisierung im Artikel mit einer mehr oder weniger subtilen Darstellung einer negativen „chinesischen Mentaliät“, die für die „gelben“ Trojaner-Angriffe und Technologie-Raub verantwortlich gemacht werden. Insbesondere wird halb verdeckt, halb offen, das Bild des „hinterlistigen Chinesen“ gezeichnet. So erfährt man, dass die Gutmütigkeit der „enttäuschten“ deutschen Regierung, ungeachtet aller aufrichtigen deutschen Bemühungen um die chinesische Freundschaft, ausgenutzt wird: „Umso härter trifft da der dreiste Versuch der chinesischen Geheimdienste, den Partner auszuplündern, den angeblichen Freund“. Dieses Täuschen und Ausplündern wird an anderer Stelle sehr direkt als Wesenszug und
„mentale Prägung“ des Chinesen an sich bewertet: Die Chinesen, geprägt durch Konfuzianismus und Maoismus, sind eine „‚People’s Republic of Cheats'“, eine Schwindlerrepublik“. Es folgt in dem Artikel eine Aufzählung zahlreicher und „üppiger Anekdoten“ (ja, auch sowas ist heutzutage journalistische Recherche) von „China-Reisenden“ und „China-Frustrierten“, die Opfer oder Zeuge der Technologie-Plünderungen wurden, und die das Klischee nicht nur des listigen, sondern auch noch kulturbarbarischen Chinesen verfestigen helfen, wie dies z.B. durch die Wiedergabe des seit Jahrzehnten grassierenden Mythos des Essens von Affengehirnen
suggeriert („Geschäftsessen, bei denen lebenden Affen mit einem Hämmerchen die Schädeldecke eingeschlagen wurde, um ihr warmes Gehirn auszulöffeln“).

Das tragende Strukturelement des Textes ist die Konstruktion eines großen Verschwörungsszenarios, das eng mit den bisherigen diskursiven Strategien verbunden ist, und alle Elemente einer echten Verschwörungstheorie enthält: So gibt es in der Geschichte des Spiegels einen greifbaren Verschwörer in Gestalt des „Politbüros“, das einen „Masterplan“ entworfen hat, der auf die erwähnte indoktrinierte „Volksarmee“, auf ein „informelles Spionagenetzwerk“ von stolzen „800.000 Spitzeln“ zurückgreifen kann, die den „Angriff auf die deutsche Volkswirtschaft“ durchführen: „Es ist ein dichtes Graswurzelwerk gesät, keiner fordert so selbstverständlich seine in aller Welt verstreuten Landsmänner und Landsfrauen auf, zu kopieren und zu fotografieren, zum Ruhm und Vorteil der eigenen Volkswirtschaft.“ Es wird, wie üblich bei Verschwörungstheorien, ein Generalverdacht geäußert, konkret: Jeder im Ausland lebende Chinese ist ein wahrscheinlicher Spitzel und Denunziant, was durch das Berufen auf einen chinesischen Überläufer mehr als deutlich gemacht wird:

„Jeder Student, jeder Geschäftsmann, der ins Ausland gelassen wird, steht in der Schuld der Partei“…Er revanchiert sich als Spitzel, als Denunziant“

Kreiert wird hier offenkundig eine große Verschwörungstheorie, in der eine heimliche Invasion einer hinterlistigen chinesischen ‚Volksarmee‘ gegen die westlichen Volkswirtschaften am Werk ist. Alles in allem also, wie die Ausführungen zeigen dürften, ist das Machwerk „Die gelben Spione“ ein primitiver propagandistischer Beitrag, hinter dem ein wie auch immer motiviertes Bemühen zum Ausdruck kommt, ein nationales Feindbild zu schaffen bzw. zu reaktivieren. Ein Feindbild, das den westlichen politischen Machteliten aus verschiedensten Gründen sehr gelegen kommen dürfte und wohl als Element des sich neu formierenden geopolitschen Ost-West-Konfliktes betrachtet werden kann. Dieses journalistische Bemühen des Spiegels mag bestenfalls einer unbewussten Internalisierung traditioneller Feindbilder geschuldet sein: angesichts der auffälligen Synchronisierung des Beitrags (dessen Thematik ja nicht tagesaktuell ist, sondern wohl durch die Dienste taktisch lanciert ist) mit dem deutsch-chinesischen „Gipfeltreffen“ scheint es sich hier jedoch vielmehr (also auch eine Verschwörungstheorie) um eine willfährige mediale Unterstützung einer machtpolitischen PR-Aktion von Geheimdiensten und Co. zu handeln.

Auf Spiegel-Online ist heute ein bemerkenswerter kleiner Artikel zu finden, der sich, so der Titel, mit den „Gesammelten Widersprüchen“ Oskar Lafontaines befasst. Diese „Widersprüche“ wurden laut SPON von „fleißigen SPD-Mitarbeitern“ gesammelt, die Lafontaines ‚doppeltes Wirklichkeitsbewusstsein‘ zu entlarven suchten.

Dass der Spiegel diese vermeintlichen Widersprüche als „Lafontaines Vorher-Nachher-Show“ hämisch wiedergibt und auflistet, bezeugt einmal mehr, wie es um das journalistische Niveau dieses einstigen Sturmgeschützes bestellt ist: Nicht nur, dass diese Liste ohne jegliche Kritik wiedergegeben wird (und z.B. ohne einen Hinweis auf die zahlreichen Widersprüche der Partei auskommt, der die eifrigen Sammler verpflichtet sind), der/die Autoren des Artikels sind sich nicht einmal zu blöd, auch noch stolz darauf hinzuweisen, dass sie diese „Idee“ mit den „Gesammelten Widersprüchen“ schon wesentlich früher hatten als die SPD-Genossen.

Bemerkenswert sind auch die vermeintlichen „Widersprüche“ an sich, deren bemühte und dillettantische Konstruiertheit einem auf den ersten Blick ins Auge strahlt und die z.T. weder logisch sind, noch inhaltlich zusammenpassen (oder z.B. aus Aussagen bestehen, die 20 Jahre auseinanderliegen). Hier nur ein schlagendes Beispiel:

EINERSEITS
„Wir können auf die ständig steigende Lebenserwartung nicht mit immer kürzerer Lebensarbeitszeit reagieren.“

ANDERERSEITS
„Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist eine staatlich verordnete Rentenkürzung.“

Man muss kein Philosoph sein, um zu sehen, dass hier ein durchsichtiger Scheinwiderspruch konstruiert wird. Die anderen „Widersprüche“ der Oskar-Show folgen diesem Muster oder listen unspektakuläre und banale Inkosistenzen auf, wie sie im politischen Alltagsgeschäft gang und gäbe sind. Kurz gesagt: hier werden einer langen Tradition folgend Splitter im Auge des politischen Gegners gesucht, um von den Balken im eigenen Auge ablenken zu können. Indem der Spiegel diese peinliche Diskreditierungsstrategie mal wieder mit der Zuverlässigkeit eines ‚offiziellen‘ Regierungsorgans öffentlichkeitswirksam transportiert, gibt er sich einmal mehr als das zu erkennen, was er im Kern ist: Ein medialer Legitimations- und Propagandapparat etablierter politischer Macht.

karlstadt