Gastbeitrag


Kleinkindliche Dickköpfigkeiten, Negierungen und sensationslüsterne Spekulationen sind keine guten Helfer, wenn es um die Aufklärung eines Verbrechens geht.

Seit einigen Jahren nun schon versuchen all jene, die in den Anschlägen des 11. Septembers 2001 eine groß angelegte Verschwörung von kriminellen Elementen innerhalb der US-amerikanischen Regierung sehen, die Wahrheit über die tatsächlichen Hintergründe zu erkunden und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Eine kaum noch zu beziffernde Menge an Personen, verstreut auf der ganzen Welt, hat mit mal mehr und mal weniger großer detektivischer Begabung eine beachtliche Menge an Merkwürdigkeiten, Unstimmigkeiten und Auffälligkeiten ans Licht gebracht, die alle darauf hin deuten, dass die Öffentlichkeit in Bezug auf die wahren Vorkommnisse vom 11. September systematisch betrogen wurde. Bei intensiver Auseinandersetzung mit diesen Erkenntnissen, stellt man fest, dass einige von ihnen hoch brisant und andere wiederum nicht den Mausklick wert sind, der sie auf dem PC zum Vorschein kommen lässt.

Der Personenkreis, der gesellschaftlich als Verschwörungstheoretiker bezeichnet wird und diese Recherchen bewerkstelligt, ist mindestens so heterogen, wie die Erkenntnisse, die er hervorbringt. Vom Schüler und Studenten, von der Hausfrau zum Arbeiter, vom Lehrer zum Professor und vom hochrangigen Militär bis zum hochrangigen Politiker reicht das Spektrum der 9-11-Zweifler.

Trotz eines beachtlichen Arbeitsaufwandes und trotz der Brisanz einiger der gewonnenen Erkenntnisse, muss festgestellt werden, dass das Resultat einer unmittelbar nach den Terroranschlägen begonnenen Wahrheitssuche unterm Strich wenig bewirkt hat. Immerhin sind sechs Jahre vergangen, sechs Jahre, in denen die offizielle Version der Ereignisse nach wie vor die Geschichtsschreibung dominiert wie ein Diktator sein Volk.

Bei aller Beachtlichkeit von Umfragen, die zwar angeben, dass weite Teile der Bevölkerung ebenfalls an der massenmedial verkündeten Theorie von der Täterschaft Bin Ladens und AlQuaida zweifeln, und bei allem Eifer, den bestimmte Akteure aus dem 9-11 Truth Movement an den Tag legen: Die Sachlage ist, dass durch alle wichtigen Institutionen der westlichen Demokratien hindurch der Glauben an die offizielle Version der Terroranschläge die Politik vorgibt. Weder Regierungen noch Parlamente, weder die Bildungseinrichtungen noch Massenmedien widersprechen dem 9-11 Dogma (oder bestenfalls hinter vorgehaltener Hand).

Der bis jetzt in Anspruch genommene Zeitrahmen mag zwar aufgrund der Konstellation und der Position der alternativen Aufklärer im Vergleich zu dem Wirkungs- und Machtspektrum der Massenmedien und der Politik einerseits gering sein, doch sechs Jahre sind andererseits auch eine verdammt lange Zeit. Eine Zeit, in denen zwei Kriege geführt wurden und ein Dritter auf Standby geschaltet ist.

Worin liegen die Ursachen, was sind die Gründe des mangelhaften Fortschritts?Unter anderem liegen die Ursachen bei den Verschwörungstheoretikern selbst. Analysiert man ihre Argumentationsweise, betrachtet man ihre Rhetorik und dekonstruiert man ihre Sichtweisen, dann ist festzustellen, dass ihre Rolle sehr ambivalent ist. Die Rolle der ‚Wahrheitssucher’, der ‚Richtigsteller’, der ‚Zurechtrücker’ beanspruchen sie, doch gerecht werden sie dieser Rolle bei weitem nicht immer. Sicherlich muss einigen von ihnen zu Gute gehalten werden, dass sie, was investigativen Journalismus und Kriminalitätsaufklärung angeht, nur laienhafte Ahnung haben.

Dennoch spricht es erstmal für ihr Verantwortungsbewusstsein als politisch mündige Menschen, sich auf eigene Faust mit beschränkten Mitteln aufzumachen und nach der Wahrheit zu suchen – und sei es auch nur mit Hilfe von Google. Das überhebliche Kritisieren ihrer Tätigkeit, wie es einige renommierte Medienpublikationen gemacht habe, ist in der geschehenen Weise deplaziert.

Dennoch darf auch nicht mit einem Augenzwinkern über die methodologischen Schwachstellen und die so hervorgebrachten Resultate hinweggesehen werden. Das 9-11 Truth Movement wirft den großen Medien schlampige Recherche und Unsachlichkeit vor. Das 9-11 Truth Movement spricht von einem blinden Fleck auf Seiten der Medien, wenn es um die Aufklärung der Verbrechen vom 11. September geht und von einer Ausblendung sinntragender Sachverhalte in diesem Zusammenhang. Die Publikationen der 9-11 Zweifler sind jedoch bedauernswerter Weise häufig selbst ein Spiegelbild dieser Vorwürfe. Mangelhafte Recherche, aus dem Kontext gerissene Zitate, abgeschriebene in sich falsche Behauptungen, nicht nachweisbare Aussagen, verdrehte Sachverhalte usw. prägen die Veröffentlichungen der Alternativdenker. Es mag noch verzeihlich sein, wenn ein 15-jähriger Schüler, der seinen gesunden Menschenverstand nutzt und das Gefühl nicht los wird, dass an der offiziellen Darstellung zum 11. September etwas zum Himmel stinkt, durch seine Laienhaftigkeit das kleine Einmaleins der Recherchearbeit missachtet, wenn aber gestandene und durchaus auch mit Reputation versehenen Persönlichkeiten aus der Szene die gleichen Fehler machen, sind die Konsequenzen für die Aufklärung des Verbrechens fatal.

Es kann nicht angehen, dass einerseits die alternativen Wahrheitssucher die Glaubwürdigkeit der Meldungen der Massenmedien in Gänze anzweifeln, dann aber genau die Meldungen, die scheinbar ihre verschwörungstheoretische Sicht stützen und von diesen Massenmedien berichtet werden, als unumstößlich ansehen. Es kann nicht angehen, dass behauptet wird, dass 7 der 19 Attentäter noch nach dem 11. September am Leben waren und sich dabei beispielsweise auf Meldungen der BBC berufen wird, ohne, dass man selbst diese Meldungen durch eine dezidierte journalistische Recherche überprüft – und zwar bei einer Behauptung mit solchem Ausmaß vor und zurück. Selbst bei allem Verständnis: Mit einer lapidaren Begründung für die mangelnde Recherche wie z.B, dass die finanziellen Möglichkeiten nicht ausgereicht hätten, ist es nicht getan. Das Ergebnis solcher journalistischen Schnellschüsse war eine Bloßstellung der gesamten Szene. Dabei ist die Frage nach den Identitäten der Attentäter ganz zentral.

Die mitunter unbefriedigende Vorgehensweise der Zweifler kann also als einer der Gründe für einen nicht erfolgten Durchbruch angegeben werden. Doch es gibt weitere Gründe.

Wie weiter oben angesprochen, ist das 9-11 Truth Movement bezüglich der Theorien und Ansichten sehr vielseitig. Ob nun über Sprengungen, Raketeneinschlägen. Fernsteuerungen, Abschüsse, War Games oder Börsenspekulationen berichtet wird, jede Theorie hat ihre Anhänger. Und genau hier wird eine neue Schwachstelle der Szene deutlich. In der Bibel heißt es schon: a house divided in itself shall not stand. Anders, aber nicht weniger bildlich formuliert: Zu viele Zutaten verkraftet kein Essen; es schmeckt nicht mehr.
Zwar ist die Heterogenität der verschwörungstheoretischen Ansätze durchaus nachvollziehbar. Denn zuerst galt es das Feld zu sichten, möglichst viele Informationen zu sammeln und zu bearbeiten. Dass aber es nach sechs Jahren nicht geschafft werden konnte, die Quintessenz aus den gewonnenen Erkenntnissen herauszufiltern, dass es nach sechs Jahren nicht erreicht wurde, die Kräfte zu bündeln und auf die schwächste Stelle der offiziellen Theorie zu richten, verdeutlicht einen weiteren Grund für das Nichterreichen des gesteckten Ziels: Uneinigkeit.

Darüber hinaus hat die Szene etliche strategische Fehler gemacht. Auf einen sei hier verwiesen. Von Anfang an war die Ausrichtung der Szene sozusagen kriegerisch. Es galt einen Infowar zu führen. Einen Informationskrieg gegen die Desinformation der Massenmedien. Dieses Paradigma war durchaus begründet, doch war es nicht sonderlich durchdacht. Keiner der beteiligten Akteure innerhalb des 9-11 Truth Movement, noch nicht mal alle zusammen genommen, haben die Ressourcen, die Fähigkeiten, die Infrastruktur u.ä., um die Terroranschläge vom 11. September vollständig, also institutionell und damit legitim, aufzuklären.

Die Aufklärung der Verbrechen kann nur über die Institutionen erfolgen. Das Handeln der Zweifler zeugt aber von einer Verkennung dieses Sachverhaltes. Anstatt zu versuchen, mit Mitteln der Diplomatie Bündnisse und Koalitionen mit den Institutionen zu schmieden, werden Grabenkämpfe und Scharmützel geführt, die nur zu einem Kraftverlust führen und in der Gewinn-Verlust-Rechnung das Soll verstärken.

Natürlich muss auch erwähnt werden, dass es immer wieder Versuche gab und gibt, diese Strategie zu verfolgen. Und besonders die Akteure aus dem massenmedialen Feld warteten auf dieses Unterfangen nicht gerade mit offenen Türen. Dennoch wurde diese Versuche nur halbherzig oder nicht strategisch und konsequent genug durchgeführt. Es gilt noch einmal darauf zu verweisen: Die Einbeziehung der Institutionen, insbesondere der kritisierten Massenmedien ist unabdingbar.

An dieser Stelle ist es sinnvoll, das Augenmerk auf einen weiteren Grund für das nicht rechte Vorankommen der Bewegung zu beleuchten, ein Grund, der nicht innerhalb des 9-11 Truth Movement zu suchen ist, sondern der bei den Massenmedien selbst liegt. Der Vorwurf der Verschwörungstheoretiker, die Massenmedien hätten zu tendenziell, einseitig und unkritisch berichtet, lässt sich nicht von der Hand weisen. Nach dem 11. September gab es in der Tat einen Medienblackout, wie es ihn in der jüngeren Geschichte noch nicht gegeben hat. Kaum ein Blatt, kaum ein Fernsehsender, kaum eine Radiostation berichtete insbesondere in den ersten beiden Jahren gegen die von der US-amerikanischen Auslegung der Ereignisse verbreiteten Meldungen. In den USA war diese mediale Gleichschaltung (eine Gleichschaltung, die nicht durch einen Diktator vorgegeben wurde, sondern, die sich durch eine Vielzahl latenter soziologischer, psychosozialer und psychologischer Motivationslagen zu begründen ist) am stärksten. Doch auch in Deutschland versagten die Medien kläglich, wenn es um eine eigenständige, kritische Reflexion und Hinterfragung ging.

Nicht nur, dass die Redaktionen in den Mainstreammedien allesamt auf der Bin-Laden-war-es-ohne-Zweifel-Schiene unterwegs waren und sind, sondern sie griffen auch noch die Erkenntnisse der Verschwörungstheoretiker von vorne herein mit unprofessionellem Verhalten auf, um diese bestenfalls der Lächerlichkeit preis zu geben, schlimmstenfalls in demagogischer Absicht zu verunglimpfen. Im Spiegel wurden die Zweifler mit den Holocaustleugnern auf eine Stufe gestellt, Hans Leyendecker, einer der renommiertesten deutschen Investigativ-Journalisten, bezeichnet die Zweifler so gar als Affen. Durch diese Form der Berichterstattung haben die Mainstreammedien die gegen sie erhobenen Vorwürfe mangelnder Objektivität mit Ansage und Trommelwirbel untermauert.

Auf einer grundsätzlicheren Ebene kann festgehalten werden, dass sowohl die Mainstreammedien als auch zahlreiche Verschwörungstheoretiker trotz der Tatsache, dass sie immer wieder den Wahrheitsanspruch ins Felde führen, konträr zu diesem Anspruch handeln. Es ist unübersehbar, dass in beiden Lager sehr häufig nichts anderes als die Kultivierung der eigenen Egoismen die Programmleitung übernommen hat. Das Handeln der Akteure von beiden Seiten dokumentiert eben nicht die ganz legitime Frage nach der Wahrheit, sondern es dokumentiert den latenten Wunsch die eigene Meinung als das Maß aller Dinge durchzusetzen.

Es ist schon interessant, wie die Journalisten des Nachrichtenmagazin Der Spiegel den Untersuchungsbericht der 9-11-Kommission als der Weisheit letzter Schluss anführen oder wie die Verlautbarungen der US-amerikanischen Regierung zu den Geschehnissen als unumstößlich angesehen werden. Nicht minder verwundernswert ist aber auch das Vorgehen vieler Verschwörungstheoretiker: Die Aussagen eines Augenzeugen, der behauptet er habe eine Art Rakete ins Pentagon fliegen sehen werden als wasserdichter Beweis für eine Verschwörung angesehen. Ein Bericht der BBC, in dem über den Einsturz von WTC7 berichtet wird, bevor es eingestürzt ist, wird als die endgültige Bescheinigung für einen Medienkomplott angeführt.

Diese Beispiele verdeutlichen einmal mehr einen Simplizismus, dem sowohl die etablierten Medien als auch alternative Journalisten in ihrer Arbeit Raum gewähren und der der Sache alles andere als dienlich ist. Insbesondere die Mainstreamjournalisten täten gut daran, zu akzeptieren, dass die Behauptung, Teile der US-amerikanischen Regierung seien selbst in die Attentate verwickelt, nicht grundsätzlich jeder Logik entbehrt. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist alles andere als verwegen einen Terrorismus, der von Staatswegen durchgeführt wird um bestimmte innen- oder außenpolitische Ziele durchzuführen, als realistisch zu betrachten.

Das Prinzip, dass hinter dieser Vermutung steht, ist auf einer sehr trivialen Ebene am besten zu verdeutlichen. Das Prinzip ist wahrscheinlich so alt, wie die Menschheit. So sieht es aus: A hat eine Abneigung gegen B und möchte ihm einen Schaden zufügen. Dies tut er auch und zeigt dabei mit dem Finger auf C. Zufällig kommt D vorbei, der ein guter Freund von A ist und B ebenfalls nicht mag. D bestätigt die Aussage von A und B glaubt nun, C ist schuldig.
Das Prinzip, dass sich hinter der Theorie des Staatsterrorismus befindet ist nichts anderes als ‚jemand anderem die Schuld in die Schuhe schieben’. Und jeder dürfte damit schon mal aktiv oder passiv Erfahrungen gemacht haben. Zugegeben: Es ist durchaus noch ein weiter Weg von der Nicht-Ich-sondern-der-kleine-Bruder-war-es-Verhaltensweise zu den Ausmaßen eines Staatsterrorismus, wie er in Betracht gezogen wird. Doch es ist auch ein weiter Weg von der A-Jugend in die 1. Fußball Bundesliga. Das heißt: Nur weil etwas im Großen schwieriger umzusetzen erscheint als im Kleinen, bedeutet dies noch lange nicht, dass es nicht zu bewerkstelligen ist.
Die Liste der dokumentierten Fälle von Staatsterror ist umfangreich – Eine nähere Auseinandersetzung mit dem False Flag Terror findet sich hier. Die Journalisten aus dem Mainstream sollten sich unbedingt mit diesen Sachverhalten auseinandersetzen und erkennen, dass das Mittel des synthetischen Terrors von Staatswegen schon häufig verabreicht wurde.

Fazit

Als Gründe für die nicht Durchsetzung von dem 9-11 Truth Movement verfolgten Ziele wurden identifiziert:

a) Unbefriedigende/ schlampige Rechercheleistung/ journalistische Schnellschüsse von Seiten der Zweifler
b) Uneinigkeit in der Bewegung
c) Strategische Fehler/ unüberlegtes oder unausgewogenes Handeln
d) Egoistische Gründe
e) Ein Versagen der Massenmedien auf breiter Front

Will die Bewegung ernsthaft ihre Ziele verwirklichen, müssen alle involvierten Akteure die gemachten Fehler schnellsten beseitigen. Es dürfen keine Meldungen mehr verbreitet werden, die nicht hieb- und stichfest sind (und wenn doch spekuliert wird, muss dies auch kenntlich gemacht werden). Es gilt also ganz klar zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Beweisen und Indizien zu trennen.

Die Bewegung muss ihre Ziele nochmals überdenken und klar formulieren. Hierfür ist es unumgänglich, dass persönliche Egoismen abgelegt werden und die Uneinigkeit und Streitereien beigelegt werden.

Des Weiteren müssen die strategisch gemachten Fehler analysiert werden. Es gilt eine klare, präzise und wirkungsvolle Strategie aufzustellen, durch die die gemachten Fehler zukünftig vermieden werden. Das Einlassen auf Grabenkriege und Scharmützel bringt keinen Gewinn. Es sollten mit diplomatischen Mitteln, mit Vernunft und Sachlichkeit vorgegangen werden. Das schmieden von Bündnissen und Koalitionen sollte Vorrang haben.

Des Weiteren müssen sich die Akteure der Bewegung im Klaren darüber sein, dass die von ihnen hervorgebrachten Merkwürdigkeiten noch kein Beweis für die aufgestellten Behauptungen eines Cover-Ups sind. Es sind Indizien, von denen einige sehr beachtlich, andere wenigstens interessant und wieder andere nichts als heiße Luft sind.

Zum gegenwärtigen Stand der Dinge kann nur mit Sicherheit gesagt werden, dass 9/11 nicht zur Genüge aufgeklärt wurde. Über die Anschläge des 11. Septembers ist ein großes Fragezeichen zu setzen. Nur eine neue Untersuchungskommission, mit einer fairen Besetzung und Ausrichtung, könnte dem Ziel, eine lückenlose, rechstaatliche Aufklärung der Terroranschläge nach kommen. Damit es aber zu einer neuen Untersuchung kommt, ist der Druck durch die Öffentlichkeit unumgänglich. Und um die Öffentlichkeit über die vermutliche Verschwörung umfassend zu informieren, ist die Einbindung der Mainstreammedien notwendig.

Das 9-11 Truth Movement sollte aus seinen Kinderschuhen hinauswachsen und eine neue oder zumindest erheblich verbesserte Programmatik an den Tag legen.

Bud Spencer

Dass Journalisten in etablierten Medien eine doch recht eigenwillige Interpretation von kritischem Journalismus haben, ist kein Geheimnis. Die Gründe hierfür sind klar: Auf dem Olymp ihres journalistischen Wirkens angekommen, ist jeder dieser Vorzeigejournalisten darauf bedacht, auch möglichst lange dort zu bleiben. Ansehen und gutes Geld sind zwei der Anziehungskräfte, die das Verweilen auf dem Berg der Götter erstrebenswert machen. Von diesem Standpunkt ist es verständlich, dass alle, die die (vermeintliche) Bergspitze des Journalismus erklommen haben, sich nicht durch unbequeme Fragen und einen kritischen Journalismus selbst ins Tal stürzen möchten. Kurz um: Die Verhältnisse sind bekannt, man ist einiges gewohnt von den Gipfelstürmern im Journalismus.

Wir haben vor einigen Monaten an dieser Stelle schon mal einen Beitrag über den Kuscheljournalismus im heute journal veröffentlicht. Das sich seit dieser Zeit das heute journal mit seinen Protagonisten verändern würde, war nicht zu erwarten. Und doch: Gestern Abend toppte der Chef des heute journals, Claus Kleber, den üblichen und eigentlich ohnehin kaum zu überbietenden Schmusekurs seines Nachrichten-Flagschiffs mit politischen Funktionsträgern. Seit dem befindet er sich sozusagen: over the top.

In einem Interview mit Familienministerin Ursula von der Leyen sprach Kleber über ihr Vorhaben, mehr Krippenplätze in Deutschland zu schaffen. Das Interview, das mal wieder weitestgehend einem Austausch von verbalen Zärtlichkeiten glich, wäre noch nicht mal mehr eine kleine Polemik wert, wäre da nicht dieser Schluss, in dem Kleber im ‚Eifer des Gefechts’ seines Interviews vermutlich ganz unbewusst eine entlarvende Abmoderation macht. Hier das Zitat:

„Sie haben Zeit bis zum 16 April für ihre Ideen zu werben. Sie haben bei uns begonnen damit. Dankeschön und einen guten Abend.“

Nun ist es nachvollziehbar, dass Politiker die Medien nutzen, um ihre Politik und ihre Ideen, der Öffentlichkeit mitzuteilen. Allerdings sollte immer auch – mal abgesehen von den Wahlwerbespots – ein kompetenter Journalist zwischen geschaltet sein, damit Propaganda und politische Manipulation entsprechend dechiffriert werden.
Dass Nachrichtenchef Kleber nun die ideologischen Fallstricke der Aussagen von Frau Von der Leyn weder für sein Publikum dechiffriert noch dekonstruiert, war abzusehen. Dass er sich aber noch mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht, für die ‚Werbung’ bedankt, verweist auf die Abgründe im Mainstreamjournalismus. Damit hat der Anchorman offen sprachlich unterstrichen, dass das heute journal eine Werbesendung für die Politik ist.

Eine weitere Kommentierung der gemachten Abmoderation aus dem Interview ist nicht notwendig, denn die Aussage beinhaltet so offensichtlich alles, was sie eigentlich verbergen wollte.

Mit der Mischung aus Freundlichkeit (bloß keinen wirklich verärgern) und pseudokritischen Kommentaren und Aussagen ging es dann mal wieder weiter im heute journal bis zu der Stelle, als Claus Kleber eine Anmoderation für einen Beitrag bezüglich der Airbus-Problematik machte und er zur Abwechslung mal richtig lustig sein wollte:
„Heißt es nun Airbus oder Airbüs?“, (einmal deutsch, einmal französisch ausgesprochen) fragte Kleber nicht ohne Freude über diese ‚witzige’ Moderation.
Tja, wer weiß? Airbus, Airbüs oder vielleicht sogar Airtschüss? Die Antwort blieb er seinen Zuschauer schuldig.

Man kann nur spekulieren, aber gewiss würden Kleber&Co die hier geäußerte Kritik an ihrem Journalismus ganz anders sehen.

Doch, um noch mal das Eingangs des Artikels verwendete Bild des Berges zu gebrauchen: Von oben betrachtet, sieht die Welt halt ganz anders aus.

Bud Spencer

Am Sonntagabend strahlte BBC2 eine Dokumentation zum Thema ‚Verschwörungstheorien’ und der 11. September aus. Wenig Licht und viel Schatten lagen dabei dicht beieinander.

Bereits im Vorfeld spekulierten einige der Protagonisten des 9/11 Truth Movement über die Seriosität der Dokumentation (z. B. hier und hier )

Die Frage, die im Raum stand, lautete etwa: Wird die BBC sich sachlich und dezidiert mit den Argumenten aus dem 9/11-Truth-Movement auseinandersetzen oder aber, mit ‚Propagandamitteln‘ die Erkenntnisse der 9/11-Skeptiker zu verunglimpfen versuchen?
Nach und nach wurden die Spekulationen lauter, dass die Dokumentation eher von der letzten Möglichkeit Gebrauch machen würde. Sonntagabends war es dann soweit: Gut eine Stunde widmete sich BBC2 der Widerlegung von 10 Verschwörungstheorien zu 9/11.

Einen Tag später lieferten sich Alex Jones , Paul Watson und Dylan Avery aus dem 9/11 Truth Movement eine harte Diskussion mit dem Macher der Doku, Guy Smith, im Radio.
Deutlich wurde dabei: Der Kampf um die Meinungshoheit, der Kampf um die Durchsetzung von Wirklichkeitskonstruktionen, der Kampf um Auslegung und Interpretation von Ereignissen und Geschehnissen ist ein schwieriger Kampf, der mit harten Bandagen geführt wird.
Sein Ziel sei es gewesen, sich dem Thema Verschwörungstheorien zum 11. September objektiv anzunehmen und zu schauen, in welche Richtung er dabei geführt werde, sagte Guy Smith in der Radiosendung von Alex Jones. Jones warf ihm das Gegenteil vor: einseitige Recherche und Manipulation. Personen mit Reputation, die der offiziellen Meinung widersprechen und entscheidende Aussagen gemacht haben, habe Smith nicht zu Wort kommen lassen. Außerdem habe die Doku immer wieder auf den Schmerz der Hinterbliebenen verwiesen, die sich durch die Äußerungen der 9/11 Skeptiker verletzt fühlten. Gleichzeitig seien aber die Hinterbliebenen, die ebenfalls an den Ereignissen zweifeln, nicht zur Stellungnahme gebeten worden.

In der Radiodiskussion kritisierte Jones insbesondere das Ignorieren von Operation Northwoods, die für die Behauptung eines Government Cover Ups als Beispiel grundlegend sei. Smith widersprach Jones und sagte, Operation Northwoods läge ja bereits 40 Jahre zurück und sei niemals durchgeführt worden. Smith fügte des Weiteren an, dass er ja nur eine Stunde Zeit zur Verfügung hatte und eben den Inhalt der Dokumentation habe auswählen müssen.

So einseitig die Dokumentation auch war, und bei aller Kritik an ihr: Sie offenbarte auch eine Schwachstelle auf Seiten der Verschwörungstheoretiker, die immer wieder auszumachen ist: schlampige Recherche. Im Lager der 9/11-Skeptiker heißt es, das Flugzeug UA93 sei abgeschossen worden. Teile des Flugszeugs habe man nämlich in einem See, der sich gut 8 Meilen entfernt von dem Absturzgebiet befindet, entdeckt. Wenn das Flugzeug nur abgestürzt sei, könnten Wrackteile ja nicht so weit entfernt gefunden werden. Das Team der Doku hat diese Behauptung überprüft und kam zu folgendem Schluss: Es sind 6.9 Meilen von dem Absturzgebiet bis zu dem See. Allerdings beträgt die Luftlinie nur 1 Meile. Die im See gefundenen Teile seien des Weiteren keine schweren Wrackteile, sondern Papier und ähnliches. Da der Wind in Richtung des See geweht habe, sei es keine Verwunderung, dass
man leichte Teile dort gefunden habe.

Es kann an dieser Stelle kein Urteil darüber gefällt werden, welche Seite nun bezüglich der Vorkommnisse von U93 den tatsächlichen Ereignissen näher kommt.

Deutlich wurde durch die Doku aber noch einmal, dass es nicht genügt, Meldungen, auf die man stößt, ohne genaue Überprüfung als unhinterfragte ‚Wahrheit’ zu verbreiten. Gerade bei einem Thema wie 9/11 muss jede Behauptung und Vermutung, muss jeder Verdacht und jede Anschuldigung doppelt und dreifach abgesichert sein. Eine Recherche vor Ort, Gespräche mit Augenzeugen usw. sind grundlegend. Leider kommen einige der Protagonisten aus dem 9/11 Truth Movement dieser Verpflichtung nicht nach.

Allerdings gibt es auch eine ganz entscheidende Stelle in der Dokumentation, die deutlich aufzeigt, wie schwach die Denk- und Kritikfähigkeit der Dokumentationsmacher ist. Schon seit einigen Jahren wird immer wieder im Internet davon gesprochen, dass am 11. September 2001 eine groß angelegte militärische Übung in den USA stattgefunden hat, bei der die Luftfahrtbehörden das Vorgehen bei einer Entführung von mehreren Flugzeugen übten.
Die Dokumentation bestätigte dies durch Originalaufnahmen von Gesprächen der Bodenkontrolle. Dass dann eine so wichtige Information nur erwähnt wird, sie aber nicht zum Anlass genommen wird, diesen doch recht merkwürdigen ‚Zufall’ zu hinterfragen, ist nicht nachzuvollziehen.

Wahrscheinlich wird die Dokumentation in den nächsten Wochen auch im ZDF in Deutsch zu sehen sein.

Bud Spencer

Eine Politik der verdunkelten Zimmer ist verdächtig. Geheime Treffen von Politiker, Wirtschaftsmagnaten, Journalisten, Verlegern, Adeligen und Akademiker werfen Fragen auf.
Die so genannten Bilderberg-Meetings, bei denen sich seit über 50 Jahren gut 120 Funktionsträger aus den wichtigsten gesellschaftlichen Teilbereichen der westlichen Demokratien treffen, um für drei Tage im Verborgenen zu konferieren, sind ein Phänomen, dem zwar im Internet große Beachtung geschenkt wird, das aber von den so genannten Mainstream-Medien oder von den Sozialwissenschaften sträflich vernachlässigt wird. Und das, obwohl sich bei der Auseinandersetzung mit den Bilderberg-Konferenzen einiges über den Zustand der so genannten westlichen Demokratien sagen ließe.

Die Bilderberg-Konferenzen sind ein gutes Beispiel für die Auslagerung von politischer Macht aus den dafür vorgesehene demokratischen Institutionen (z.B. Parlamente) in von der Öffentlichkeit unbemerkt operierenden interessengeleitete Eliten-Zirkel. Bei der Auseinandersetzung mit den Bilderbergern lässt sich feststellen, dass demokratisch gewählte Volksvertreter allzu bereitwillig demokratische Wege verlassen, um sich im Dunstkreis eines politischen Wirkens zu betätigen, das man durchaus als zutiefst anti-demokratisch bezeichnen kann.
Die geheime Ausrichtung der Konferenzen und die Zusammensetzung der Teilnehmer
lassen erkennen, dass wir es in den westlichen Demokratien mit einer zunehmenden negativen elitären Beeinflussung der gesellschaftspolitischen Verhältnisse zu tun haben. Der Verdacht liegt nahe, dass der eigentliche politische Formierungsprozess in Zirkeln wie z.B. der Bilderberg-Group vollzogen wird.
Da an den Bilderberg-Konferenzen nur Personen teilnehmen, die über ein hohes Maß an ökonomischem, kulturellem, sozialem und symbolischem Kapital verfügen, liegt es auf der Hand, dass ganze Bevölkerungsschichten aus dem ursprünglichen politischen Ideenprozessen komplett ausgeklammert werden. Hinzu kommt, dass die Bündelung der verschiedenen Kapitalarten der Teilnehmer, wie sie bei solchen Treffen vollzogen wird, mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Potenzierung des Handlungsspielraumes der Gesamtgruppe führt.

Doch was geschieht bei den Konferenzen? Entsprechen Meinungen, wie sie immer wieder im Internet geäußert werden, wonach die Bilderberger eine Art geheime Weltregierung sind mit dem Ziel, eine Weltdiktatur zu errichten, der Wahrheit?
Nach Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von zugänglichen Informationen, scheinen bei den Bilderberg-Konferenzen tatsächlich keine direkten Beschlüsse gefasst zu werden noch irgendwelche Anweisungen von einem ‚Oberverschwörer’ an die Teilnehmer/Mitglieder weitergeben zu werden. Bei den Meetings handelt es sich anscheinend tatsächlich ‚nur’ um eine Konferenz von hochrangigen Personen, wie sie auch bei einem G8-Gipfel ablaufen könnte. Es werden Referate gehalten, es wird diskutiert und am Rande werden Gespräche geführt. Dennoch darf diese Erkenntnis nicht zu einer Verharmlosung der Treffen führen, denn die bereits erwähnte Akkumulation von Macht, die innerhalb einer Gruppierung wie Bilderberg zwangsläufig stattfindet, kann je nach Einsatz zu einer (nur schwer erkennbaren) Aushebelung oder Schwächung der jeweiligen nationalen Politik führen.
Bei den Bilderberg-Konferenzen geht es darum, Konsense zu erreichen. Nicht durch Abstimmungen, sonder eben durch Überzeugung. Eines der Probleme hierbei ist, dass die Konsense, die bei den Konferenzen entstehen, von der Ideologie des Neoliberalismus geprägt sind. Des Weiteren ist davon auszugehen, dass die Konsense auch die bewussten oder unbewussten Interessenlagen einer bestimmten Schicht widerspiegeln.
Es kann attestiert werden, dass bei den Meetings auf subtile Art ein Meinungs- und Anschauungskonglomerat bezüglich bestimmter weltpolitischer und gesellschaftspolitischer Themen entsteht, das für breite Teile der Bevölkerung der unterschiedlichen Länder destruktiv ist. Das darüber hinaus Verbindlichkeiten unter den Teilnehmern entstehen, ist ebenfalls anzunehmen.
Neben der Bilderberg-Group gibt es noch eine Vielzahl ähnlicher (und auch durchaus konkurrierender) Eliten-Zirkel, wobei der Verdacht eines regelrechten Netzwerks durch die Überlappung einzelner Mitglieder mit anderen Zirkeln erhoben werden kann. Die Existenz entsprechender Seilschaften hinter der Bühne der Weltpolitik mit all ihren negativen Begleiterscheinungen ist mehr als wahrscheinlich.

Dass die hier nur schemenhaft skizzierte Problemlage nicht einzig durch zwielichtige Elemente in der herrschenden Klasse entstanden ist, liegt auf der Hand. It always takes two to tango. Die Problemlage zeigt, dass die Medien einmal mehr ihrer Aufgabe als Wächter der Demokratie zu fungieren nicht nachkommen …

„Und Angela Merkel ist uns jetzt aus Berlin zugeschaltet“, mit diesen Worten bereitete Marietta Slomka, die News-Frau des heute-journals die Zuschauer auf das Interview mit der Bundeskanzlerin in der Sendung vom 22. November 2006 vor. Der 22. November war für alle Journalisten, die dem Fetisch des Jahrestagsjournalismus huldigen, ein ganz besonderer Tag: Ein Jahr große Koalition – wenn das kein Nachrichten-Aufhänger par excellence ist! Es war abzusehen, dass das heute-journal ebenfalls seinen journalistischen Beitrag zum Thema abliefern wollte. Doch wäre das heute-journal nicht das heute-journal, wenn die Redaktion sich nicht etwas ganz besonderes Pfiffiges ausgedacht hätte, um der Berichterstattung den notwendigen Glanz zu verleihen. Für die Zuschauer (und uns) nur das Beste, musste sich die Redaktion von heute gedacht haben. Ein Interview mit der Bundeskanzlerin war da genau das Richtige.

An und für sich auch eine gute Idee, bietet sich doch so die Möglichkeit, die Kanzlerin, also die Frau, die neben dem Bundespräsidenten die höchste (formale) Verantwortung für die Bundesrepublik inne hat, kritisch zu befragen.
Wir erinnern uns daran, dass Journalisten eine besondere Stellung in der Gesellschaft zukommt; idealtypisch funktionieren sie als Kontrollorgan der Demokratie. Aufgrund ihres Berufes sind sie in der Lage, mit den Herrschenden direkt in Kontakt zu treten, können Fragen stellen, die die Menschen im Land interessieren. Fragen, die diese Menschen wahrscheinlich niemals persönlich stellen können. Und, da wir alle wissen, dass die Anforderungen an Journalisten in etablierten Medien hoch und die Zugangswege schwierig sind, könnten wir eigentlich davon ausgehen, dass nun ein Lehrstück der kritischen Interview-Kunst folgt.

Doch die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Erwartung und Realität macht auch vor dem heute- journal nicht halt.„Ein Jahr im Kanzleramt: Wie isses denn so, Kanzlerin zu sein?“, fragt Frau Slomka mit einem herzlichen Lachen die Kanzlerin. Diese antwortet darauf, dass es Freude macht, Kanzlerin zu sein, dass es natürlich auch schon schwierige Momente gegeben hat und dass die Getränke im Kühlschrank des Kanzleramtes ganz doll kühl sind. Gut, das mit den Getränken und dem Kühlschrank im Kanzleramt, das hat sie nicht gesagt. Hätte aber ganz gut reingepasst in das Interview im Kuschelformat. So sieht es aus, wenn Frau Slomka nachhakt: Das Jahr im Kanzleramt, war aber doch auch bestimmt „ein sehr anstrengendes Jahr?“ Eine Frage, die die Kanzlerin zum Anlass nimmt, auf ihre große Verantwortung hinzuweisen, aber auch zu betonen, dass es ja glücklicherweise Mitarbeiter gibt, die tatkräftig mit anpacken.
All diejenigen Fernsehzuschauer, die sich noch an den Wutausbruch des ehemaligen Bundestrainers Rudi Völler erinnern, als dieser auf die anhaltende Kritik an seiner Mannschaft in einem Interview in der ARD mit Waldemar ‚Waldi’ Hartmann klarstellte, dass es keinen „tieferen Tiefpunkt“ als den „Tiefpunkt“ geben könne, belehrt Frau Slomka nun eifrig und emsig eines besseren:
„Jeder, der einen neuen Job antritt, macht auch neue Erfahrungen. Aus welcher Erfahrung haben Sie am meisten gelernt? fragt Marietta Slomka. Danach folgen lustige Fragen wie: „Sehen Sie denn ihre Rolle in der großen Koalition eher als Anführerin oder als Vermittlerin?“ Und: ob Sie denn erwarte bei dem bevorstehenden Parteitag anstatt wie beim letzten Mal 88 Prozent der Stimmen, nun 90 Prozent oder vielleicht nur 70 Prozent der Stimmen zu bekommen. Da wir gerade bei Zahlen sind: 6 Minuten und 31 Sekunden dauerte das Interview im Schonwaschgang. 6 Minuten und 31 Sekunden, in denen wahrscheinlich jeder Schüler der Mittelstufe kritischere Fragen gestellt hätte. Stattdessen verwiesen die mal mehr und mal weniger offensichtlichen mimischen Sympathiezugeständnisse von Frau Slomka auf die unbewusste Komplizenschaft von manchen Journalisten mit den Weichenstellern unseres Landes.
Bei aller Kritik darf jedoch nicht vergessen werden: „Mit dem Zweiten sieht man besser“. Wenn da nur nicht die Sache mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wäre…

Es gibt die offizielle Wahrheit, die inoffizielle Wahrheit und die nackte Wahrheit. Ihr hat sich der US-amerikanische Ausnahme-Journalist Alex Jones mit Leib und Leben verschrieben.
Es ist der Dreck, der nach und nach aus den verwinkelten Kanälen einer elitär bestimmten Politik nach oben gespült wird, der zum Untersuchungsobjekt seiner journalistischen Arbeit wird. Ob er sich mit den verborgenen Interaktionsmustern von Eliten auseinandersetzt, Nachforschungen über rituellen Missbrauch in den Reihen der feinen Gesellschaft anstellt oder die Ausbreitung des Überwachungsstaates kritisiert: Dort wo der ‚Qualitätsjournalismus’ wegschaut, wo aus Unwissenheit, aus politischer Unmündigkeit, aus vorauseilendem Gehorsam sich lieber mit konsensfähigeren Themen auseinandergesetzt wird, dort platzt Alex Jones hinein, bewaffnet mit einem Mikrofon, einem kleinen Kamerateam und einem Bündel an unbequemen Fragen.

Fast schon ein Musterbeispiel für einen kompromisslosen Journalismus, sein Auftritt bei der Führerscheinstelle in Texas, wo er sich weigert seinen Fingerabdruck abzugeben und mit den Mitarbeiter der Behörde einen Grundsatzdiskussion zum Thema Überwachungsstaat führt.
Unverschämt gut, seine Fragen an den Kongressabgeordneten Lloyd Doggett bei einem öffentlichen Auftritt des Politikers in einem Lebensmittelladen, in dem aus dem verbalen Schlagabtausch beinahe ein echter Schlagabtausch wurde.
Legendär sein Eindringen in das Areal des Bohemian Grove für die Fernsehreihe ‚World of Wonders’ des britischen Channels 4, während dort Teile des gesellschaftspolitischen Establishments der USA an einem bizzar-okkulten Ritual teilnahmen (eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Bohemian Grove liefert William Domhoff, Soziologie-Professor an der University of California)

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 richtet sich die Aufmerksamkeit von Jones vor allem auf die Hintergründe dieser Ereignisse. Es verwundert nicht, dass Jones auch zu diesem Thema einmal mehr seiner Position als ‚fighter for truth’ gerecht wird und in dem Kampf gegen den globalen Terror eine heimtückische Manipulation der Öffentlichkeit von kriminellen Elementen innerhalb politischer und wirtschaftlicher Kreise vermutet.
In seiner neuesten Dokumentation mit dem Namen Terrorstorm, die mittlerweile auch in deutscher Synchronisation im Netz zu finden ist, erhebt Jones schwere Vorwürfe: Die Anschläge in den USA, Madrid und London sind für AJ das Resultat eines synthetischen Terrors, eines Terrors, der von Teilen der eigenen Regierung ausgeht, mit der Absicht, verdeckte, nicht der Öffentlichkeit zu vermittelnde, da unlautere, Ziele zu erreichen.
So unglaublich, so absurd, so verrückt wie die in Jones’ Dokumentation aufgestellten Thesen auch auf den ersten Blick zu sein scheinen, sie verdienen es nicht ohne Überprüfung als Unsinn abgetan zu werden.

Denn viele Themen, die Jones bisher aufgegriffen hat, wirken zuerst ähnlich absurd. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass in den Themen mehr Wahrheit steckt, als man glauben wollte/konnte (z.B. Bilderberg, Bohemian Grove, Mind-Control-Projekte). Hinzu kommt die Tatsache, dass synthetischer Terror keineswegs eine neue Erfindung ist. Der Reichtagsbrand, der ‚Überfall’ auf den Sender Tannenberg (2.Weltkrieg), der Zwischenfall im Golf von Tonkin , Operation Ajax (Sturz des iranischen Premierministers Mossadegh mit Hilfe der CIA im Jahre 1953), Operation Northwood (ein Strategiepapier von 1962 des US-Verteidigungsministeriums dessen Ziel es war, mit Hilfe von „False-Flag-Terror“ einen Krieg gegen Kuba zu inszenieren. In dem Strategiepapier wird u.a. vorgesehen, ein ziviles Passagierflugzeug in der Nähe von Kuba mit US-amerikanischen Passagieren abzuschießen, um vor der Öffentlichkeit den Krieg zu rechtfertigen).

Mit der Dokumentation Terrorstorm hat Alex Jones einmal mehr aus dem Winkel eines pushing-journalist und mit den Waffen des Verstandes, eine Sicht der Dinge präsentiert, die zum Nachdenken anregen sollte.
Sicherlich kann man an den Arbeiten des stämmige Texaners auch einiges kritisieren, so zum Beispiel, die Tatsache, dass er etwa manchmal nicht gerade ‚unparteiisch‘ vorgeht oder dass er gerne suggestive audiovisuelle Effekte einsetzt, die die Rezipienten für seine Sicht der Dinge ‚empfänglich’ machen sollen.

In Zeiten aber, in denen ein Bill O’Reilly (USA), ein Hans Leyendecker oder ein Claus Kleber als Flaggeschütze eines etabliertes Journalismus gelten, ist der journalistische ‚Terror’ eines Alex Jones jedoch genau das richtige Gegenmittel.
Im ‚Terrorsturm des Alex Jones’ sollte man mehr sehen als nur ein persönlicher und polemischer Angriff auf die Mächtigen. Im ‚Terrorsturm des Alex Jones’ verdichten sich auf anschauliche Weise die Probleme einer elitär zentrierten degenerierten Politik, wodurch vernünftige Strategien zur Bewältigung dieser Probleme ausgearbeitet werden könnten.
Wie weit Jones noch gehen wird, wird die Zukunft zeigen. Ein Ehrenplatz als Investgativjournalist sollte ihm bereits jetzt gewiss sein.

Ein unendlicher Krieg gegen den Terror, Schläfer die unter uns weilen, eine Ausdehnung der Überwachung und Bespitzelung: Der Fusel aus geschürter Angst und Unsicherheit, wie er den breiten Teilen der Bevölkerung Tag für Tag durch die Sturmgeschütze der massenmedialen Manipulationswerkzeuge verabreicht wird, fängt an seine fatale Wirkung auf das zentrale Nervensystem des Volkes zu zeigen.

Ein Gespür für die Gefahren, die sich aus der inflationären Ausbreitung von Überwachungskameras und anderen Instrumenten ergeben, die zur Kontrolle von Menschen dienen, scheint abhanden gekommen – wenn es denn überhaupt jemals da war.
Normative Aussagen wie „Solange ich mich anständig benehme, brauche ich mich auch nicht vor Überwachungskameras zu fürchten“, künden von wenig Selbstreflexivität und bahnen sich sprechblasenartig ihren Weg in die Alltagsrealität, um das kollektive Bewusstsein noch mehr zu schwächen.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht der politisch unmündige Mensch. Die politisch Unmündigen verhalten sich gegenüber der angesprochenen Entwicklung wie trockenes Holz zu Feuer. Die politisch Unmündigen sind die eifrigen Bereiter eines gesellschaftspolitischen Zustandes, der mehr an eine Überwachungsdiktatur als an eine fortgeschrittene, stabile Demokratie erinnern wird. Die politisch Unmündigen sind in allen Gesellschaftsschichten in allen Berufen zu finden. Vom Arbeitslosen zum Professor für Politikwissenschaft, vom Bäcker zum Chefredakteur, vom Hauptschüler zum Studenten: politische Unmündigkeit ist ein klassenübergreifendes Phänomen und gerade deshalb ist der Nährboden für Unterdrückung und Restriktionen, wie sie von Seiten der Herrschenden gegenüber dem Volk zukünftig zu erwarten sind, so breit.
Politische Unmündigkeit definiert sich durch die bewusste oder unbewusste Unfähigkeit, zwischen politischen Versprechen und erbrachter Leistung, zwischen politischem Soll und Ist, rationell zu unterscheiden. Politische Unmündigkeit definiert sich weiter durch die Unfähigkeit, gesellschaftspolitische Normzustände kritisch zu hinterfragen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse folgerichtig zu verwenden.

Es wäre jedoch ein Fehlschluss, wenn man sagte, der politisch unmündige Mensch ist per se apolitisch. Das Gegenteil offenbart sich bei näherer Betrachtung. Häufig schreiben politisch Unmündige Kommentare in angesehenen Tageszeitungen, sprechen Kommentare bei den großen Fernsehsendern oder engagieren sich mit einer Naivität, die kaum zu überbieten ist, in politischen Parteien – ganz im Dienste der Demokratie, versteht sich. Gewiss, sie sind nicht ohne Intelligenz und sind auch immer bereit zu kritisieren aber, um es kulinarisch auszudrücken: Sie finden Anstoß an dem nicht so ganz süffigen Abgang des Rotweins, das Steak oder gar das gesamte Mahl wird nie zum Gegenstand ihrer Kritik. Die bis in die kleinsten Zellorganellen internalisierte Vorstellung eines in weiten Teilen gerechten und guten Staates führte bei ihnen zum Abgleiten in ein politisches Lummerland.

Wie kann es sein, dass zur ‚Terrorbekämpfung’ so eben 50 Millionen bereit gestellt wurden? Wie kann es sein, dass Nicht-Kriminelle ihre Fingerabdrücke abgeben müssen? Wie kann es sein, dass Überwachungskameras uns bald auf Tritt und Schritt begleiten werden? Wie kann es sein, dass ganze Völker plötzlich in einem Generalverdacht stehen?
Ganz sicher: die politisch Unmündigen können die Fragen bestens beantworten.